Bundesratspräsidentin Ledl-Rossmann: Grenzen definieren zwar die Heimat, nicht jedoch unser Handeln und Denken

Parlament gedenkt im Historischen Sitzungssaal der Opfer des Nationalsozialismus

Wien (PK) - "Wer sich erinnert, der vergisst nicht. Wer versteht, der lernt". Damit leitete heute Bundesratspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Historischen Sitzungssaal des Parlaments ein. Wie Nationalratspräsidentin Doris Bures appellierte auch Ledl-Rossmann an die Verantwortung aller - insbesondere auch der Politik -für ein friedliches Miteinander in Gegenwart und Zukunft und rief zur Zivilcourage auf.

Diese beginne beim kritischen Wort gegen eine rassistische Aussage auf der Straße und ende beim kollektiven Mahnruf, wie jenem des jährlichen Gedenktags. "Ohne diese Courage wird es nicht gehen", so die Bundesratspräsidentin. "Gewalt und Rassismus begegnen uns gerade aktuell wieder in all ihrer schockierenden Brutalität. Und auch wenn sich die Gesichter und die Orte verändert haben, das Wesen dahinter bleibt das Gleiche: Intoleranz aus Unwissenheit. Feindseligkeit aus Ungewissheit. Aggression aus Unsicherheit".

Für das Verstehen sei der Blick zurück wichtig, sagte Ledl-Rossmann. Je mehr Zeit vergehe, umso wichtiger werde das Erinnern. Für das Lernen brauche es aber den Blick auf das Heute und das Morgen. In diesem Zusammenhang warnte sie vor negativen Entwicklungen:
Angesichts der Tatsache, dass laut einer aktuellen Umfrage 55% der unter 35-Jährigen der Meinung sind, der Nationalsozialismus habe Österreich nicht nur Schlechtes gebracht, werde die Brisanz mehr als deutlich.

Zu Frieden und Toleranz gibt es kein Gegenrezept

"Was sich im Wesen unseres gemeinsamen Europa bereits gefestigt hat, darf nicht brüchig werden. Schon gar nicht in Österreich, das mit seiner Verantwortung auch in Zukunft für das Lernen stehen muss, nicht für das Vergessen", betonte die Präsidentin der Länderkammer. Das sei man nicht nur jenen schuldig, die das Schlimmste erleben mussten, man sei es vor allem auch der Jugend schuldig, der man ein zuversichtliches, gelingendes und erfülltes Leben und Zusammenleben bereiten möchte. "Lehren wir sie, mit Wachsamkeit und Offenheit in die Welt zu gehen. Geben wir ihnen Selbstwertgefühl, Stärke und Eigenverantwortung".

Sie verband dies auch mit einem Bekenntnis zu einem gemeinsamen Europa: "Lassen wir sie unser gemeinsames Europa mit all seinen Facetten erleben. Geben wir ihnen zu verstehen, dass Grenzen zwar unsere Heimat definieren, nicht jedoch unser Handeln und Denken. Zu Frieden und Toleranz gibt es kein Gegenrezept", erteilte Ledl-Rossmann unmissverständlich Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz eine klare Absage.

Die Bundesratspräsidentin sieht vor allem auch die Politik gefordert. "Im Wissen um die Bedeutung des politischen Klimas soll sie - sollen wir - mit gutem Beispiel vorangehen", mahnte sie. Aufgabe sei es, zwischenmenschliche Werte zu stärken, drängende Fragen zu beantworten und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um Fehlentwicklungen zu verhindern, "damit jene nicht gestärkt werden, die aus Angst und Pessimismus Kapital schlagen wollen und dadurch die schlechtesten Ratgeber unserer Zeit sind". Alle würden mit ihren Handlungen entscheiden, ob ein friedliches, respektvolles und sicheres Zusammenleben gelingt.

Historikerin Gertrude Schneider hält Gedenkrede, Komponist Walter Arlen persönlich anwesend

Bundesratspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann konnte heute nicht nur die Historikerin und Holocaustüberlebende Gertrude Schneider als Ehrengast begrüßen, die heute die Gedenkrede hielt. Unter den Anwesenden befand sich auch der in die USA emigrierte Komponist Walter Arlen, dessen Werke von Daniel Wnukowski am Klavier interpretiert wurden.

Unter den zahlreichen Gästen im Sitzungssaal befanden sich Vertreterinnen und Vertreter der Opferverbände und Lagergemeinschaften sowie Erinnerungsinitiativen und Überlebenden des Holocaust und des NS-Terrors. Die Bundesratspräsidentin freute sich überdies über die zahlreich anwesenden Schülerinnen und Schüler.

Die Politik war durch Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit seiner Frau Doris Schmidauer, die Mitglieder der Bundesregierung mit Bundeskanzler Christian Kern und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner an der Spitze sowie durch aktive und ehemalige Nationalratsabgeordnete, BundesrätInnen und Mitglieder des Europäischen Parlaments vertreten. Den Reden folgten neben Repräsentantinnen und Repräsentanten der Höchstgerichte, Kirchen und Religionsgemeinschaften auch der ehemalige Bundeskanzler Werner Faymann und Mitglieder des Diplomatischen Corps.

HINWEIS: Fotos vom Gedenktag finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.

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