MAK zeigt „THOMAS BAYRLE. Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“

Wien (OTS) - Überdimensional! Eine aus unzähligen iPhones bestehende „Superform“ – „iPhone meets Japan“ (Arbeitstitel, 2017) – in der MAK-Säulenhalle ist die zentrale Arbeit und zugleich der Auftakt der ersten institutionellen Einzelausstellung des deutschen Zeichners, Grafikers, Malers und Skulpteurs Thomas Bayrle (* 1937) in Österreich. Unter dem Titel „Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“ (MAK, 25. Oktober 2017 – 2. April 2018), nach einem Zitat des Architekten Eero Saarinen (1910–1961), entwickelt Bayrle, der sich mit zeitaktuellen Medien auseinandersetzt, eine Erzählung zur Interaktion zwischen Kommunikationsdesign, Individuum und Gesellschaft.

Im Rahmen der Ausstellung beleuchtet Bayrle die MAK-Sammlung am Beispiel von Objekten, die die konzeptuelle Vorbildersammlung der 1863 als k. k. Österreichisches Museum für Kunst und Industrie gegründeten Institution prägen. Mit grafischen, skulpturalen, malerischen, textilen wie installativen Arbeiten verwebt er mehrere Räume ­– MAK-Säulenhalle, MAK DESIGN LABOR, MAK GALERIE und MAK-Schausammlung Gegenwartskunst – zur Projektionsfläche für seine Interpretation von „Social Fabric“, soziale Verflechtungen, die er an die Kunst des Webens anlehnt.

Weben, Vernetzen, Wiederholungen und das Prinzip des Seriellen sind bestimmende Momente in Bayrles Œuvre. Vor seinem Studium der Gebrauchs- und Druckgrafik selbst zum Musterzeichner und Weber ausgebildet, überträgt er die Faszination für Maschinelles konsequent in seine künstlerische Produktion. Mit Metaphern des Färbens, Webens und Programmierens untersucht er die Ambivalenz von Kunst, Handwerk, Industrie und lässt kaleidoskopartige Formen – Ornamente der Masse – entstehen. Beeinflusst von Op Art (Victor Vasarely, 1906–1997) und Pop Art (Andy Warhol, 1928–1987), verband Bayrle als einer der Ersten manuelle Techniken mit computergenerierter Kunst des Informationszeitalters. 

Themen für seine Grafiken, Fotografien, Collagen und Objekte bezieht er aus der Alltagskultur und politischen Kontexten. Seine legendären „Superformen“ – Collagen aus einer unendlichen Anzahl von Miniaturbildern – ergeben im Zusammenspiel ihrer Einzelteile einen Mikro- und Makrokosmos. Durch die Vervielfältigung von „Zellen“, Bildern und ornamentalen Formen analoger wie digitaler Dimension können seine Arbeiten als Statements zu Masse und Massenproduktion gelesen werden, so der Künstler. 

Die Installation „iPhone meets Japan“ konzipiert Bayrle eigens für das Museum. Das begehbare Szenenbild in der zwischen Neorenaissance und Industriearchitektur angesiedelten MAK-Säulenhalle reflektiert ein japanisches Shunga von Nishikawa Sukenobu (Entwurf um 1720) aus der Asien-Sammlung des MAK. Die explizit erotischen Holzschnitte sind in Ostasien zum Massenphänomen avanciert. Bayrle übersetzt das Shunga in eine „Superform“ aus iPhones, die unter den Vorzeichen digitaler Vernetzung zwischen einem Paar, das sich dem flüchtigen Duftspiel hingibt, und architektonischen Elementen oszilliert. Die BetrachterInnen finden sich in einer Bilderflut wieder oder werden aufgefordert, die Szene von der Galerie der Halle aus zu erfassen.

„Superformen“ als Referenz auf kulturelle und industrielle Ikonen wie Jesus Christus, Mao, die Autobahn oder das Smartphone spiegeln in der Ausstellung Bayrles Faszination für die Idee des Ornaments. Inspiration dafür findet er unter anderem in den Schriften des Soziologen Siegfried Kracauer (1889–1966) aus dem Umkreis der Frankfurter Schule. In seinem Text „Das Ornament der Masse“ aus der gleichnamigen Sammlung von Essays (1920–1931) vergleicht Kracauer das Ornament mit Flugbildern von Städten. Die Masse skizziert er als Träger der Ornamente, die sich durch Gemeinschaft bilden, während das Massenornament die Gegenwart und den kapitalistischen Produktionsprozess widerspiegelt. Der Mensch als Massenteilchen kann Körper zeichnen, Tabellen bestimmen oder Maschinen bedienen – Perspektiven, die auch Bayrle in den Bann ziehen. 

Mit Bayrles Projekt wird das MAK zum Schauplatz einer neu aufgenommenen Interaktion zwischen Kunst und Handwerk, KünstlerIn und WeberIn. Anknüpfend an ein Werk für die Hartmannswillerkopf-Gedenkstätte (Elsass) für dort gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs, entsteht eine Wiener Tapisserie, die zweite große speziell für das MAK entwickelte Arbeit. Die in Blau getauchte ornamentale Bildfläche der „iPhone Pietà“ (Arbeitstitel, 2017) zeichnet Bayrle aus Smartphones – Ornament, Apparat und Schmuck zugleich – und übersetzt den kulturellen Code der Pietà in ein Stimmungsbild gesellschaftlicher und politischer Ereignisse. Produziert wird die von Hand gefärbte und in verschiedenen Texturen und Materialien gewebte Tapisserie von einem Atelier in Aubusson in Frankreich, wo das Weben in Kollektiven seit sechs Jahrhunderten Tradition hat. Die in der MAK-Schausammlung Gegenwartskunst gezeigte „iPhone Pietà“, Studien und narrative Verweise wie die Malerei „Gotischer Schinken“ (1980) oder die Fotocollage „Himmelfahrt“ (1988), die in einer späteren Version als „Eiserner Vorhang“ (2003/04) in der Wiener Staatsoper zu sehen war, verdichten sich zu einem Zeichen unserer Zeit.

Weben als Konzept setzt sich im MAK DESIGN LABOR mit Pinsel-Studien, Stempel-Arbeiten, bildhaften und skulpturalen Geflechten aus Pappkarton und analogen Photoshop-Serien fort, die auch Reproduktionsprozesse und die Verwendung verschiedener Stoffe aufzeigen. Dieses „Organigramm“ künstlerischer Produktion verweist auf Gottfried Sempers (1803–1879) Theorien zur praktischen Ästhetik. Die MAK GALERIE mutiert zum grafischen Kabinett: Papierarbeiten der 1960er und 1970er Jahre analysieren Bayrles Prinzip, Bild und Grafik wie Logos und Piktogramme als Sprache aufzufassen. Beispielsweise überzieht er in der Arbeit „Börsenbericht“ (1972, Teil einer Serie) ein anonymes Porträt eines Arbeiters oder eines Angestellten durch minimale Verschiebungen im Muster der Daten des 8.3.1972.

Nach seiner Ausbildung zum Musterzeichner und Weber studierte Thomas Bayrle (lebt und arbeitet in Frankfurt am Main) Anfang der 1960er Jahre Grafik an der Werkkunstschule in Offenbach am Main (heute Hochschule für Gestaltung), gründete mit Bernhard Jäger (* 1935) die Gulliver-Presse und arbeitete als Drucker wie Verleger von Künstlerbüchern. Als einer der bedeutendsten KünstlerInnen der Gegenwart und viele Jahre auch als Professor an der Städelschule in Frankfurt am Main (1975–2007) inspirierte er Generationen von KünstlerInnen und ist bis heute ein Mentor der jungen Szene. Im internationalen Kontext wurde Bayrle u. a. durch seine Teilnahmen an der Biennale von Venedig (2003 und 2009) sowie an der documenta (1964, 1977 und 2012) bekannt.

Zur Ausstellung „THOMAS BAYRLE. Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“ erscheint eine Publikation (Deutsch/Englisch), herausgegeben von Christoph Thun-Hohenstein, Nicolaus Schafhausen und Bärbel Vischer, mit Texten von Spyros Papapetros, Nicolaus Schafhausen, Christoph Thun-Hohenstein und Bärbel Vischer.

Dieses Projekt wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung von Phileas – A Fund for Contemporary Art.

Pressefotos stehen unter MAK.at/presse zum Download bereit.


Pressedaten:
Pressekonferenz: Dienstag, 24. Oktober 2017, 10:30 Uhr
Eröffnung: Dienstag, 24. Oktober 2017, 19:00 Uhr
Ausstellungsort: MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer: 25. Oktober 2017 – 2. April 2018
Öffnungszeiten: Di 10:00–22:00 Uhr, Mi–So 10:00–18:00 Uhr, Jeden Dienstag 18:00–22:00Uhr Eintritt frei
Gastkurator: Nicolaus Schafhausen
MAK-Kuratorin: Bärbel Vischer, Kustodin MAK-Sammlung Gegenwartskunst
MAK-Eintritt: € 9,90 / ermäßigt € 7,50 / Familienkarte € 13 / Eintritt frei für Kinder und Jugendliche bis 19   

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