AUSTROMED: Österreich braucht wieder eine Benannte Stelle

Wegfall belastet Wirtschaftsstandort und Medizinprodukte-Branche massiv – Zertifizierung im Ausland ist Hemmschuh heimischer Innovationen

Wien (OTS) - „Mit dem Wegfall der beiden österreichischen Benannten Stellen ist die heimische Medizinprodukte-Branche auf Zertifizierungen durch ausländische Institute angewiesen. Das bedeutet eine massive Verschlechterung für viele Start-ups sowie Klein- und Mittelbetriebe, die durch diesen Standortnachteil im internationalen Wettbewerb zurückzufallen drohen. Österreich braucht rasch wieder eine Benannte Stelle. „AUSTROMED fordert daher die Politik auf, hier so schnell wie möglich entsprechende Maßnahmen zu setzen„, so AUSTROMED Präsident Gerald Gschlössl anlässlich der gestrigen AUSTROMED Hauptversammlung.

Medizinprodukte als Erfolgsbeispiel für den Hochtechnologiestandort Österreich

Unter dem Titel „Medizinprodukte als Erfolgsbeispiel für den Hochtechnologiestandort Österreich“ fand im Anschluss an die Hauptversammlung der AUSTROMED im Van Swieten Saal der MedUni Wien eine gemeinsame Veranstaltung von LISAvienna und der Österreichischen Gesellschaft für Biomedizinische Technik (ÖGBMT) statt. In ihrem Begrüßungsstatement bezog sich Gastgeberin DI Dr. Michaela Fritz, Vizerektorin der MedUni Wien, auf die Hemmnisse von Innovation aus Universitäten bzw. Start-ups, die in vielen Fällen an der Finanzierung scheitern, oft aber auch den Weg auf den Markt nicht schaffen und hier Unterstützung benötigen würden.

Als Einleitung zum Thema präsentierte Prof. Dr.med. Oskar Aszmann von der MedUni Wien beeindruckende Details und interessante Hintergründe über die österreichische Entwicklung der international einmaligen Bionic Hand, die erst durch die Entschlüsselung der Sprache der Hand möglich wurde.

Das Thema aus wirtschaftlicher Sicht betrachtete Jürg Zürcher, Managing Partner von Ernst & Young Biotech/Medtech. Er zeigte anhand der Ergebnisse des aktuellen Medtech Reports 2016, dass die Branche vor einem Umbruch und großen Herausforderungen steht und dass sich dadurch jedoch auch enorme Chancen ergeben, die gerade innovativen Unternehmen viele Möglichkeiten bieten.

Konsequenzen der neuen EU-Verordnungen

In einer spannenden Podiumsdiskussion wurde über Innovationen aus Österreich und den verschiedenen Regulatoren gesprochen, die diese be- und oft sogar verhindern. Gerald Gschlössl: „Österreich ist in den letzten Jahren vom Innovationstreiber zum Slow Follower geworden. Das hat viele Gründe. Ein wesentlicher Aspekt ist eine mangelhafte Ausbildung. Unser Ziel muss es sein, dass die ganze Gesellschaft beginnt innovativ zu denken.“

Sektionschef Mag. Dr. Andreas-Ulrich Schuh aus dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft betonte vor allem wie wichtig es ist, gemeinsam und mit der richtigen Energie an die Dinge heranzugehen. Sektionschef Schuh: „Positive Stimmung ist ein wichtiger Faktor für Innovationen. Die Medizintechnik ist eine wesentliche Säule der Life Science-Strategien. Unser Ziel muss es sein, mit dem enormen vorhandenen Wissen entsprechende Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu schaffen. Nun gibt es gerade neue Richtlinien und neue Strukturen. Österreich hat – wie auch andere europäische Länder – bei den Benannten Stellen eine Übergangsphase zu bewältigen. Grundsätzlich handelt es sich um ein EU-Thema. Um das Problem hierzulande rasch zu lösen, ist es wichtig, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen.“

Dr. Herwig Ostermann, Geschäftsführer Gesundheit Österreich: „Die aktuelle Frage ist: Wie bewerten wir Innovationen? Das Problem ist es, den verbesserten Nutzen den jeweiligen Kosten gegenüber zu setzen. Viele Entscheidungen finden im Grenzbereich statt und sind daher extrem schwierig. Wichtig ist es, mit den Ressourcen sparsam umzugehen, damit für die wirklich bahnbrechenden Innovationen Mittel zur Verfügung stehen.“

Die neuen EU-Verordnungen haben auch eine wesentliche Auswirkung auf die universitäre Ausbildung und anwendungsorientierte Forschung. „Vor allem die vielen Inhouse-Products sind von den neuen EU-Verordnungen betroffen. Das hat massive Auswirkungen auf die Ausbildung, da man hier sehr stark auf die Theorie zurückgehen muss und Studenten nur wenig praktische Erfahrung sammeln können. Insgesamt werden Regulatorien dann zum Problem, wenn Produkte vom Markt verschwinden oder innovative neue Produkte Jahre später am Markt ankommen. Das geht dann echt zu Lasten der Patienten. Das müssen wir verhindern“, so Prof. DI Dr. Winfried Mayr, Präsident ÖGBMT im Rahmen der Podiumsdiskussion.

Über seine Erfahrungen aus der Entwicklung einer mobilen Software für Diabetes Management, die in Österreich entwickelt und als Medizinprodukt der Klasse I und teilweise II in über 50 Länder vertrieben wird, berichtete Fredrik Debong, Head of Research & Development mySugr: „In Österreich haben wir durch die Größe den Vorteil, dass man sofort Leute erreichen kann. Aber gleichzeitig erreicht man durch einen Vertrag mit zwei Deutschen Kassen die gesamte Populationsmenge von Österreich – die Größe ist also Fluch und Segen gleichzeitig.“ Abschließend beurteilte Debong die massive Abwanderung junger Ärzte ins Ausland als enormes zukünftiges Risiko.

Über AUSTROMED

Die AUSTROMED ist die Interessensvertretung für Unternehmen, die in der Entwicklung, der Produktion, der Aufbereitung und dem Handel von Medizinprodukten in Österreich tätig sind. AUSTROMED ist Partner der Gesundheitspolitik und versteht sich als Service- und Anlaufstelle für 110 Mitglieder. Insgesamt gibt es über 400.000 Medizinprodukte. Sie bilden einen fixen Bestandteil des täglichen Lebens und einen wesentlichen Grundpfeiler der heutigen Medizin. Das Medizinprodukte-Angebot der AUSTROMED-Mitgliedsunternehmen ist vielfältig. Es reicht von Einmalprodukten bis zu Hightech-Geräten. Medizinprodukte-Unternehmen sind als wesentlicher Versorger des Gesundheitswesens ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber mit einem Produktionswert von 3,4 Mrd. Euro und rd. 20.000 Beschäftigten.

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