Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 30. März 2017. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Great little Britains Reise ins Ungewisse".

Innsbruck (OTS) - Mit dem Brexit soll eine neue Ära für Großbritannien jenseits der EU beginnen. Doch mit populistischen Märchen wird Great Britain nicht zu alter Stärke zurückfinden, es droht vielmehr viel kleiner zu werden.

Nun ist es also amtlich: Die britische Regierung hat gestern offiziell die Scheidung von der EU eingereicht. In zwei Jahren soll die Trennung des Vereinigten Königreichs von Europa vollzogen sein. Am 23. Juni des Vorjahres stimmte eine knappe Mehrheit der Briten in einem Referendum für den Austritt aus der EU. Der damalige konservative Premier David Cameron riskierte viel, als er seine Landsleute zur Abstimmung rief. Cameron pokerte hoch, um sich im innerparteilichen Machtkampf Luft zu verschaffen. Doch seine Rechnung ging nicht auf. Und für Großbritannien und ganz Europa bedeutet das Nein der Briten zur EU eine Zeitenwende.
Camerons Nachfolgerin Theresa May hat nun den historischen Schritt vollzogen und das Austrittsgesuch in Brüssel eingereicht. Und sie hat bereits im Vorfeld einen harten Brexit angekündigt, also das Ausscheiden aus dem Europäischen Binnenmarkt und aus der Zollunion. London will sich auf keinen Fall dem freien Personenverkehr unterwerfen, schließlich sollen keine weiteren EU-Arbeitskräfte ins Land kommen. Rund drei Millionen EU-Ausländer, davon rund eine Million Polen, leben und arbeiten in Großbritannien. Die Stimmungsmache gegen diese EU-Ausländer hat jene Briten, die um ihre Jobs kämpfen und sich zunehmend auf der Verliererstraße sehen, ins Brexit-Lager getrieben. Die Marktschreier des Brexit-Lagers spielten gekonnt auf der Klaviatur der Angst, es zählten Emotionen statt Argumente. „I want my country back“, hieß der Slogan von Nigel Farage, dem damaligen Chef der rechtspopulistischen UK Independence Party. Man müsse sich vom Bremsklotz Europa lösen und zu alter Stärke zurückfinden, hieß es. Nun bekommen die Briten ihr Land zurück. Nur das mit der alten Stärke könnte den Briten Probleme bereiten. Denn die Zeiten des British Empire sind Geschichte. Im globalen Wettbewerb müssen sich die Briten dem harten Wettbewerb mit den USA, China und künftig wohl auch Europa stellen – und da geben längst andere die Regeln vor.
Sicher, der Austritt Großbritanniens aus der EU muss ein Weckruf für Brüssel und die verbleibenden Mitgliedsländer sein. Der Koloss EU hat sich zu weit vom Bürger entfernt, er ist schwerfällig und träge geworden. Und wirtschaftlich kann es durchaus Argumente gegen ein zentralistisches Modell geben. Doch die Briten könnten schon bald einen hohen Preis für ihren Austritt bezahlen. Denn viele dumpfe populistische Versprechungen werden rasch wie Seifenblasen zerplatzen. Mit Märchen gibt es in der Globalisierung nichts zu gewinnen.

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