TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 17. März 2017 von Anita Heubacher - Der große Wurf wird ausbleiben

Innsbruck (OTS) - Das österreichische Gesundheitssystem ist gegen große Reformen immun. Das liegt an der Architektur des Systems. Zu viele Player, zu viele Interessen, zu viel Widerstand. Der manifestiert sich daher bei fast allen Vorhaben.

Man muss keine Prophetin sein, um vorauszusagen, dass das Vorhaben, aus 21 Sozialversicherungsträgern fünf zu machen, ein frommer Wunsch bleiben dürfte. Das kristallisiert sich für jeden heraus, allein wenn man aufzählt, wer bei einem solchen Vorhaben mitreden wird: die Krankenkassen, der Bund, die Länder, die Gemeinden, die Pensionsversicherung, die Unfallversicherung, die Arbeiter- und Wirtschaftskammern, die Parteien und die Interessenvertretung der Beamten, der Bauern, der Eisenbahner, der Selbstständigen und der Arbeitnehmer. Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Bruchlinie zwischen Bund und Ländern ist hinlänglich bekannt, und welche Partei welche Klientel vertritt, auch. Ganz zu schweigen, wer wie viel ins System einzahlt, wer welche Leistungen lukriert und wie diese Leistungen honoriert werden.

Die Systemarchitektur des österreichischen Gesundheitswesens verunmöglicht große, einschneidende Reformen. Sie lässt bereits bei kleineren Vorhaben Widerstand emporkommen und viele gute Ideen und Reformansätze scheitern. Es reicht beispielsweise schon, Gesundheitszentren einrichten zu wollen, da steht die Ärztevertretung und ihre Gefolgschaft auf der Straße und demonstriert. Wird der Wildwuchs an Spitälern, die vornehmlich am liebsten alles anbieten wollen, einzudämmen versucht, legt sich der Bürgermeister quer. Bis der seinen Wählern erklärt hat, dass das Bezirksspital nicht in allen Disziplinen die Qualität halten kann, ist der Dorfchef schon längst abgewählt.
Wo also in dem Labyrinth den Hebel ansetzen? Der ganz große wäre, aus zwei Finanzierungssystemen eines zu machen. Im Groben finanziert der Bund über die Sozialversicherungen den niedergelassenen Bereich und die Länder die Spitäler. Je nachdem, wohin sich der Patient bewegt, kommt entweder der Bund oder das Land für ihn auf. Für den Patienten ist das vordergründig egal, solange bis es sich in seiner Behandlung niederschlägt. Es hängt sehr viel dran, ob der Patient früher oder später aus dem Spital entlassen wird. Für den Patienten selbst, aber auch für die Finanziers. Das Vorhaben, eine Finanzierung aus einem Topf zu bewerkstelligen, hat schon einige Gesundheitsminister verschlissen. In Österreich freuen wir uns daher, wenn es gelingt, gemeinsame Ziele zu formulieren und kleine Reformen umzusetzen. Den handelnden Akteuren kann man das kaum noch übel nehmen.

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