ORF-DialogForum mit dem internationalen Netz-Experten Evgeny Morozov

Ist die neue digitale Weltordnung Chance oder Gefahr für die Demokratie?

Wien (OTS) - „Wir treten in ein neues Zeitalter des Feudalismus ein, in dem eine Handvoll amerikanischer Technologiefirmen den Rest von uns in das undemokratischste Projekt in der Geschichte der Menschheit hineinzieht.“ Das sagt (in der FAZ, 20.9.2016) Evgeny Morozov, Autor von „Smarte neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“. Der weltweit gefragte Netz-Experte war gestern Abend, am Freitag, dem 3. März 2017, Keynote-Speaker beim DialogForum des ORF gemeinsam mit dem Europäischen Forum Alpbach. Thema des Abends: „Die Rückkehr des Feudalismus: Die neue digitale Weltordnung – Chance oder Gefahr für die Demokratie“.

Darüber und andere Fragen diskutierten nach der Begrüßung durch Caspar Einem, Vizepräsident des Europäischen Forums Alpbach, unter der Leitung von Klaus Unterberger, ORF-Public-Value, im ORF RadioKulturhaus gemeinsam mit Evgeny Morozov Verena Metze-Mangold, Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission; Ingrid Brodnig, „profil“-Journalistin und Buchautorin von „Hass im Netz“; Patrick Swanson, ORF - ZIB social media, und Anna Svec, Bloggerin „Mosaik – Politik neu zusammensetzen“.

Das Europäische Forum Alpbach setze seit mehreren Jahren einen ganz besonderen Akzent auf Fragen des Grundrechtsschutzes, strich Caspar Einem in seiner Begrüßung hervor: „Bei den Daten, die einige Großkonzerne weltweit gesammelt haben, geht es schon längst nicht mehr um ‚Datenschutz‘. Da geht es um die Frage der Wiedergewinnung der Bürger- und Konsumentensouveränität über die eigenen Daten. Da braucht der Grundrechtsschutz ganz neue Ansätze“, so Einem.

Evgeny Morozov resümierte in seiner Keynote: „Fünf amerikanische Konzerne versprechen unter dem Namen Service, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt, alles ist gratis und deshalb so attraktiv. Aber: Immer, wenn wir Daten an diese Firmen geben, untersuchen sie diese Daten, um künstliche Intelligenz zu erschaffen. Es sind wir, die Googles selbstfahrende Autos trainieren. Diese fünf Konzerne sind drauf und dran, die Gesellschaft neu zu definieren. Mit selbstfahrenden Autos brauchen wir zum Beispiel keine Fahrer mehr, und Millionen von Lastwagenfahrern verlieren ihre Jobs. Wenn wir also unsere Daten hergeben, damit Konzerne künstliche Intelligenz erschaffen können, die unsere Jobs vernichtet und die Verfassung und Institutionen unter dem Namen von Service aushebelt, müssen wir nachdenken, wie wir uns verteidigen können. Und das geht nur, wenn wir die Debatte wieder ins Politische bringen.“

Verena Metze-Mangold war einer Meinung: „Als Nutzer dieser großen Dienstleister haben wir die Großkonzerne angefüttert und haben uns mehreren Giganten ausgeliefert. Angesichts dieser Bedrohung müssen wir eine Renaissance der demokratischen Verhältnisse herstellen.“

Ingrid Brodnig analysierte: „Facebook gibt vor, worüber die Welt redet. D.h., wenn ich mich als Journalistin mit Fragen des Internets beschäftige, beschäftige ich mich in Wirklichkeit mit Machtfragen.“

Anna Svec sah durch diese neue Form der Kommunikation eine Bedrohung von demokratischen Rechten: „Was passiert ist eine Entdemokratisierung aller Lebensbereiche. Man muss den Menschen deshalb zeigen, dass sie nicht nur durch Konsum an der Gesellschaft teilhaben können.“

ORF-Journalist Patrick Swanson berichtete aus der Praxis: „Man muss sehr vorsichtig mit diesen Plattformen umgehen und trotzdem den Informationsauftrag erfüllen. So sind etwa Fake News am meisten in den sozialen Medien verbreitet. Wir müssen uns daher mit diesen Themen auf Facebook stärker beschäftigen, diese einordnen und richtigstellen. Da sehe ich den ORF in einer ganz wichtigen Position.“

Eine Aufzeichnung des ORF-DialogForums ist am Sonntag, dem 12. März, um 22.20 Uhr in ORF III zu sehen, nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand in der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) und danach auf zukunft.ORF.at abrufbar.

Das ORF-DialogForum ist eine Initiative des ORF, das Gespräch mit seinem Publikum, den österreichischen Institutionen, den Organisationen und Gruppen der Gesellschaft zu beleben.

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