Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 2. März 2017. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Die USA treten als Vorbild ab – na und?".

Innsbruck (OTS) - Die USA sind eine Weltmacht, moralische Instanz sind sie aber keine mehr. Für Europa sollte,könnte und müsste die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump ein Weckruf sein.

Europa zittert vor dem mächtigen neuen Herrn im Weißen Haus. Vor einem US-Präsidenten, der auf Konventionen pfeift, der das Unvorhersehbare und das Chaos verkörpert, der die von den USA selbst errichtete liberale westliche Weltordnung aus den Angeln zu heben droht, der dem Multilateralismus abschwört und mit seinem „America first“ seine Verbündeten vor den Kopf stößt. Europa zittert, Europa leidet und Europa gefällt sich wieder einmal in der Rolle des Opfers. Der Glaube an sich selbst ist Europa immer noch fremd. Lieber dient man sich dem neuen US-Präsidenten an oder versucht zumindest, Trump näher zu sein als die anderen. Oder aber man vergräbt sich in der Schmollecke und empört sich über die US-amerikanischen Wähler und den neuen US-Präsidenten. Diesen Trump hätte Europa und die Welt nicht verdient.
Gerade in Europa – und hier vor allem in Deutschland – gelten die USA noch immer als der Anker der freien westlichen Welt – auch in moralischer Hinsicht. Und das trotz Guantanamo und Co. Eines ist jedenfalls klar: Die USA sind der engste verbündete Europas und die USA sind weit und breit die einzige Supermacht dieser Welt – militärisch wie auch wirtschaftlich. Als moralische Instanz hat sich Trump freilich aus dem Spiel genommen. Mit alten ideologischen Freundschaften und moralischen Imperativen kann der Immobilienhändler Trump nichts anfangen. Er will gute Deals machen und sein Motto dabei heißt: „America first“. Das haben natürlich auch seine Vorgänger gemacht, nur haben sie es eben anders verpackt.
Für Europa sollte, könnte und müsste die Politik Trumps ein Weckruf sein. Nein, es geht nicht darum, mit der lautesten Kritik am neuen US-Präsidenten zu punkten. Es geht vielmehr darum, endlich den Boden unter den Füßen zu finden. Auch Europa hat Interessen und muss sich diese nicht von außen auferlegen lassen. Der Krieg im Irak lag etwa nicht im Interesse Europas – trotzdem zogen viele europäische Staaten mit den USA in einen Krieg, der mit einem Lügengebäude gerechtfertigt wurde. Heute wissen wir, dass in den Trümmern dieses Krieges die Terrormiliz IS geboren wurde, mit katastrophalen Folgen für unsere Sicherheit. Und auch in den Beziehungen zu Russland hätte Europa schon viel früher eigene Wege beschreiten müssen. In der Konfrontation mit Russland wurde viel verspielt. Der neue US-Präsident Donald Trump stößt uns vor den Kopf. Aber vielleicht haben wir einen Trump gebraucht, um aufzuwachen.

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