Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 23. Februar 2017; Leitartikel von Nikolaus Paumgartten: "Ohne Sprache keine Perspektive"

Innsbruck (OTS) - Wer im privaten Bereich eine nicht-deutsche Umgangssprache pflegt, spricht nicht zwangläufig schlechtes Deutsch. Wenn aber ein großer Teil einer ganzen Generation nicht mehr Deutsch spricht, macht sie das für die Zukunft sprachlos.

Ein Viertel aller österreichischen Schülerinnen und Schüler spricht eine andere Umgangssprache als Deutsch, in der Bundeshauptstadt Wien ist es gar die Hälfte. Die Jugend von heute mit nicht-deutscher Muttersprache als Integrationsverweigerer? Ein Schluss, der zu kurz greifen würde und vor allem Populisten dient, nach Wählerstimmen zu angeln und an den Stammtischen und in den sozialen Netzwerken nach Beifall zu haschen. Wie übrigens auch die Forderung, Deutsch als Pflichtsprache in den Schulpausen einzuführen:
Denn abgesehen davon, dass ein solches Verbot wohl kaum zu kontrollieren und noch schwerer zu sanktionieren wäre, würde es die Kinder und Jugendlichen nicht davon abhalten, außerhalb der Schule, zu Hause und mit Freunden im privaten Umfeld eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen. Und vermutlich würde ein Verbot der nicht-deutschen Umgangssprache im schulischen Rahmen genau das Gegenteil bewirken und die Muttersprache zu einem ideologischen Gut aufwerten, von dem man sich dann erst recht nicht trennen will.
Was also tun? Zunächst einmal muss die Statistik als das gesehen werden, was sie ist: nüchternes Zahlenmaterial, das jedoch jede Menge Raum für Interpretationen zulässt. Denn nur weil jemand in seiner Freizeit lieber türkisch, kroatisch, bosnisch oder englisch spricht, heißt das nicht bei jedem zwangläufig, dass er der deutschen Sprache nicht oder nur schlecht mächtig ist. Und es sagt außerdem nichts über seinen Willen zur Integration aus. Schon gar nicht dann, wenn wir von Kindern im Volksschulalter sprechen.
Um aber nicht die Augen vor der Realität zu verschließen:
Natürlich gibt es hierzulande Parallelgesellschaften. Gibt es Communitys, die es Migranten möglich machen, in Geschäften ihrer Landsleute einzukaufen, in Kultureinrichtungen unter sich zu bleiben und sich in Sportvereinen zu betätigen, wo ausschließlich ihre nicht-deutsche Muttersprache gesprochen wird. Es gibt aber auch die Versäumnisse der Politik, die etwa bei der Vergabe von Gemeindewohnungen oder der Zuteilung von Schülern in die Schulen viele Jahre genau diese Entwicklungen mitgefördert hat. Diese Scharte auszuwetzen, ist eine Aufgabe, die nicht von heute auf morgen abgeschlossen sein wird. Dort, wo es noch nicht passiert ist, ist es aber höchst an der Zeit, diesen Prozess zu starten. Ansonsten droht einer verlorenen Generation eine Zukunft ohne Perspektiven.

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