TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 18. Februar 2017 von Christian Jentsch - Das Chaos führt Regie im Weltentheater

Innsbruck (OTS) - Der neue US-Präsident Donald Trump schwingt die Abrissbirne und hinterlässt damit zahlreiche Baustellen. Unsicherheit und Chaos beherrschen die große Weltpolitik – mit ungewissen Folgen.

So viel Unsicherheit gab es in den vergangenen Jahren noch nie. Mit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump öffnete sich im Weltentheater der Vorhang für ein neues Stück, in dem das Chaos Regie zu führen scheint. Die neue Führung in Washington sorgt für ein großes Durcheinander. Auch wenn Europas Führungsmächte – allen voran Deutschland – mit aller Gewalt versuchen, das Chaos in Grenzen zu halten, wird dies wohl nur begrenzt gelingen. Die Weltpolitik für das Morgen beruft sich nicht mehr auf das Heute und das Gestern – sie wird vielmehr ganz unvermittelt per Tweet aus dem Weißen Haus in die Welt hinausgeschleudert. Sicher: Brüche, Ungewissheit und wechselnde Koalitionen haben schon immer den Lauf der großen Weltpolitik bestimmt. Und auch die USA haben ihre Freunde und Feinde oft gewechselt. Doch momentan weiß niemand – wohl nicht einmal US-Präsident Donald Trump selbst – wohin die Reise gehen soll. Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, spricht von einem „Zeitpunkt maximaler Verunsicherung“.
Trump hat erklärt, die Spannungen mit Russland abbauen zu wollen. Ein Ansinnen, das auch für Europa von Vorteil sein könnte. Doch der Flirt mit Moskau hat Trumps Team besonders in seiner eigenen republikanischen Partei in Schwierigkeiten gebracht. Trumps Sicherheitsberater musste den Hut nehmen und die Töne zwischen den früheren „Erzfeinden“ wurden zuletzt wieder rauer.
Auch was Trumps Nahost-Politik betrifft, herrscht Rätselraten. So will Washington im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern nicht mehr auf die Zwei-Staaten-Lösung drängen, ohne aber Alternativen vorzuschlagen. Eine (Nicht-)Strategie, die den Nahen Osten noch weiter in Unruhe versetzen und Extremisten weiter stärken könnte. Apropos Extremisten: Um die blutigen Kriege in Syrien und im Irak zu beenden und dem Terror effektiv zu begegnen, genügt es nicht, nur den Jihadisten des IS den Krieg zu erklären. Und alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen, zeugt von erschreckender Ignoranz. Groß ist die Verunsicherung vor allem in Europa. Trump bezeichnete die NATO als „obsolet“, und auch mit der EU kann der neue US-Präsident wenig anfangen. Die Zukunft der transatlantischen Beziehungen steht jedenfalls in den Sternen.
Heute soll US-Vizepräsident Mike Pence in München die Linien der neuen US-Außenpolitik skizzieren. Es ist nicht zu erwarten, dass er ein stimmiges Bild präsentieren kann.

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