Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 13. Februar 2017; Leitartikel von Christian Jentsch: "Deutschland als der letzte Stützpfeiler"

Innsbruck (OTS) - Während die Fieberkurve im großen Welttheater steigt, hält Deutschland das europäische Haus noch zusammen. Doch in Zeiten von Trump, Brexit und Co. wird es nicht alle Risse kitten können.

Unruhe und Nervosität liegen in der Luft. Die Säulen der etabierten Weltordnung drohen ins Wanken, Demokratie und Rechtsstaat in die Defensive zu geraten. Populisten haben das Szepter übernommen oder treiben die alten Volksparteien vor sich her. Die neuen starken Männer wollen mit dem Gestern brechen, ihr Morgen liegt freilich hinter einem undurchsichtigen Schleier. Der neue US-Präsident Donald Trump – sozusagen als Spitze des Eisberges eines neuen Politik(un)verständnisses – versucht per Twitter, den USA und der Welt einen radikalen Kurswechsel zu verpassen. Mit seinem Schlachtruf „America first“ sagt er der multilateralen Zusammenarbeit den Kampf an. Internationale Organisationen wie die UNO, aber auch die transatlantischen Beziehungen mit Europa und der Freihandel generell haben für den neuen US-Präsidenten nur wenig Wert. Doch das Prinzip „Jeder gegen jeden“ kann rasch in einem bösen Erwachen enden. Die Fieberkurve im großen Welttheater steigt rapide an. Und auch Europa sieht einer ungewissen Zukunft entgegen, das Totenlied wurde bereits angestimmt.
Doch nicht alle beteiligen sich am Schwingen der Abrissbirne, am Ausheben der Schützengräben. Es gibt sie noch, die Politik des Abwägens, des Respekts vor dem Gegenüber, die Politik der leisen Töne. Deutschland sei in „stürmischen Zeiten“ für viele zu einem „Anker der Hoffnung“ geworden, erklärte der langjährige deutsche Außenminister und künftige deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gestern, nachdem er schon im ersten Durchgang von der Bundesversammlung zum Präsidenten gewählt wurde.
Ohne Deutschland wäre das europäische Haus nach Brexit und Co. längst zusammengebrochen. Deutschland ist das Zugpferd der europäischen Wirtschaft, während andere Kaliber arg ins Trudeln geraten sind. Berlin verschreibt sich weiterhin einem gemeinsamen Europa, obwohl die Störfeuer aus Polen und Ungarn, aber auch von Seiten der erstarkten europäischen Populisten immer lauter werden. In der Flüchtlingskrise hat sich Europa in die Enge getrieben. Und es scheint keinen Ausweg finden zu können.
Die Flüchtlingspolitik der deutschen Kanzlerin Angela Merkel ist umstritten, aber in Sachen Demokratieentwicklung einerseits und wirtschaftlichem Erfolg auf der anderen Seite macht Deutschland keiner etwas vor.
Doch das Haus Europa weist tiefe Risse auf. Und Deutschland alleine wird nicht alles kitten können.

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