TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" von 11. Februar von Nikolaus Paumgartten "Zwischen Beruf und Berufung"

Innsbruck (OTS) - Die Forderungen der Ärzte nach zeitgemäßen Rahmenbedingungen zur Ausübung ihres Berufes sind legitim. Und doch wandeln die Mediziner dabei auf einem schmalen Grat: Auf dem Spiel steht das Vertrauen in ein ganzes System.

rzte in weißen Mänteln und grüner OP-Bekleidung, mit Trillerpfeifen im und Megafon vor dem Mund auf der Straße. Ein Bild, das man hierzulande eher seltener sieht. Zum Glück – oder besser gesagt – der österreichischen Streitkultur sei Dank. Seit Jahren liefern sich die Mediziner regelmäßig mit Feuerwehrleuten, Piloten, Apothekern und Pflegepersonal Duelle um die Spitze im Ranking der vertrauenswürdigen Berufsgruppen. Eine Position, die sich die Ärzte im Laufe der vergangenen Jahrzehnte redlich erarbeitet haben. Also alles eitle Wonne? Nicht ganz. Denn in der Ärzteschaft gärt es bereits länger und die Interessensvertreter – allen voran die Österreichische Ärztekammer – werden nicht müde, auf notwendige Systemreformen zu drängen. In den meisten Punkten können sich die Ärzte der Solidarität ihrer Patienten sicher sein: Das Recht auf Freizeit und Familie etwa wird heute niemand einem Mediziner absprechen wollen. Auch dass sich ein Arzt oder eine Ärztin vorrangig um die Kranken und weniger um den Papierkram kümmern soll, wird in der Bevölkerung Zustimmung finden. Denn passende Rahmenbedingungen bedeuten zufriedene und damit leistungsfähige Ärzte. Und davon profitieren letztlich wieder die Patienten.
Die Forderung nach deutlich mehr Beweglichkeit im System von Gesetzgeber und den Krankenkassen, wie es die Ärztekammer formuliert, ist richtig und wichtig. Doch ohne einen Beitrag der Ärzte- und der Patientenschaft wird diese Reform nicht umsetzbar sein. Ein Patient müsste beispielsweise bereit sein, sich künftig nicht nur von „seinem“ Arzt, sondern auch von einem Mediziner behandeln zu lassen, den sein Hausarzt in seiner Praxis angestellt hat. Vorausgesetzt, diese von der Ärztekammer geforderte Möglichkeit zur Anstellung wird je umgesetzt. Aber auch die Ärzte werden ihrerseits Bereitschaft signalisieren müssen, Änderungen zuzulassen.
In der ganzen Diskussion um die Rahmenbedingungen droht außerdem ein wesentlicher Punkt auf der Strecke zu bleiben: die Leidenschaft für den Beruf und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Der Grat zwischen vertrauenswürdigem Helfer und abgehoben-privilegiertem Halbgott in Weiß ist ein schmaler. Die Berufsgruppe der Ärzte täte daher gut daran, mit ihrem Stellenwert in der Gesellschaft verantwortungsvoll umzugehen. Ein Vertrauensverlust trifft nicht nur die Ärzte, sondern das ganze System. Denn natürlich sind auch die Ärzte ein Teil desselben.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001