OÖNachrichten-Leitartikel: "Der letzte Landesvater", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 9. Februar 2017

Linz (OTS) - Die Momente, die Josef Pühringer künftig als Normalität erleben wird, waren in den zurückliegenden 22 Jahren derart rar, dass er sich an sein nächstes Leben nicht einmal ansatzweise hat gewöhnen können. Es wird ein Dasein ohne Rampenlicht, befreit von Sorgen und Letztzuständigkeit und vor allem entfesselt von Terminen.
Es gab als Landeshauptmann kein wirkliches Leben daneben, Pühringer wird es erlernen müssen, so wie sich Thomas Stelzer von ihm ab April entwöhnen wird müssen. Stelzer hat dann niemanden mehr über sich und vor allem keine Schutzmantelmadonna, dieser Unterschied wird größer sein als der formale zwischen Zweitem und Erstem im Lande.
Wir reden vom Preis eines politischen Amtes und vom Menschen dahinter, der in diesen 22 Jahren am ehesten erkennbar gewesen ist, wenn das Land weit weg vom Landeshauptmann gewesen war. Da wären zu nennen die Entwicklungshilfe-Reisen in die Dritte Welt, Abende bei Null-Komfort, Duschen unter dem Kübel, Messen im Hochland von Nicaragua mit einem von Josef Pühringer angestimmten „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Eine volle Kirche und der Befreiungstheologe summten mit, Pühringer wurden die Augen feucht.
Da zweifelte er vielleicht an der ausgereizten und überinszenierten europäischen Politik, wenn er das Leuchten in den Augen der Leute sah und wie sie feierten, weil sie aus oberösterreichischen Spenden eine Schule erhalten hatten. Und allen wurde dabei klar, dass es nur diese Aussicht auf Besserung war, die diese Menschen zuversichtlich machte. Nicht alleine dem Landeshauptmann dämmerte, dass sich hingegen bei uns dasWachstum nach 70 Jahren Wohlstand erschöpft haben könnte und mit ihm die erprobten Methoden. Mag sein, dass er dabei an seinen Möglichkeiten zu zweifeln begonnen hatte.
Da waren außerdem 2000 Kilometer Fahrt im Outback, bei denen er die Jungschar-Liedertafel rauf- und runtersang, auf dem Rücken eines Trucks durch ein malerisches Tal eine Ahnung von Paradies erfahren hatte. „Wenn es so etwas gegeben hat, hier hätte es sein können.“ In solchen Augenblicken wurde an Pühringers Äußerungen erkennbar, dass Politik die Akteure verändert und zwingt, ihr eigentliches Wesen zu verbergen.
Von ihm blitzte dieser Kern in der Fremde auf, sporadisch in seinen großen Reden, garantiert im kleinen Kreis: Die blitzschnell gesetzte Pointe hier, der rhetorische Konter aus der Hüfte (hunderte Male geübt mit seinem Pendant und engen Freund auf Linzer Seite, Franz Dobusch), Laudationes, in denen er das vorgefasste Papier verließ und einen Witz platzierte, Leutseligkeit, nicht vorgetäuschte Heimatliebe, keine Falschheit, stattdessen ein hitziges Temperament, das auch ausbrechen konnte. Aber ebenso rasch wusste er zu vergessen. Er hat sich an den M;enschen aufgeladen.
Diese weichen Faktoren, dazu eine öffentliche Dauerpräsenz, hinter der alles andere, auch die Familie, aus Gründen der Pflicht zurückstehen musste, daneben der mächtige Apparat der Volkspartei, fein verästelt über das Land und seine Gemeindestruktur gezogen, führten Pühringers Partei zu Wahlerfolgen, die so nicht mehr zu wiederholen sein werden. Er war zuletzt die Partei, sie hat sich ihm als ihrem Zugpferd total übergeben, die Entwöhnung wird beiderseits hart fallen.
Pühringer wird daher der letzte dieser Art sein, eine „soft-version“ eines Erwin Pröll oder Michael Häupl, die mit Dauerpräsenz den Leuten vermittelt, dass alles immer gut ausgehen werde.
Er war, wie seine Landeshauptleute-Kollegen, im Geldausgeben geübter als im Geld-Zusammenhalten, auch das kein rein oberösterreichisches Phänomen, sondern im Föderalismus als Anreiz angelegt. Der Hinweis darauf hat Josef Pühringer immer mächtig gewurmt, weil er alles zugleich sein und alles am besten erledigen wollte. Die Ämter des Kulturschöpfers, Agrarlandesrates, Sportlandesrates, Gemeindereferenten, daneben die Rolle des Sparmeisters und Reformators und Chefverhandlers, selbst in den umstrittensten Angelegenheiten, die er besser delegieren hätte sollen. Zu viel auf einmal vielleicht, aber so entsprach es seinem Naturell und der Ausrichtung der Stäbe an einem Dauer-Landeshauptmann, der alles kraft Gewöhnung an ihn dominierte.
Was bleibt? Vielleicht ist es das wertvollste Zeichen der Anerkennung, dass Oberösterreich sehr gut durch diese letzten 22 Jahre gekommen ist. Diese Einsicht wird mit Abstand größer werden, zumal der Abgang nicht gelaufen ist, wie er geplant gewesen wäre. Josef Pühringer hat, als Dienst an seiner Partei, überzogen und die letzte Wahl gerettet. Er hat damit Schaden an sich selbst in Kauf genommen. Auch das wird, wie die gestern aus dem Ruder gelaufene Inszenierung des finalen Abganges, in Vergessenheit geraten.
Es wird Korrekturen seines Kurses geben. Die VP wird sich des Angriffs der Freiheitlichen erwehren müssen. Sie wird ihre Methoden ändern. Die Problemzonen sind dabei in den letzten Monaten hinreichend beschrieben worden. Die VP wird dereinst, wie sie Josef Ratzenböck und Heinrich Gleißner als große Landeshauptleute ehrt, auch Josef Pühringer in dieser Ahnenreihe sehen. Er gehört dorthin. Auch die politischen Gegner werden nicht zögern und dieses Urteil unterfertigen. Das gebietet alleine der Respekt vor einer Ära.

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