Konjunkturampel springt auf Grün

IV-GS Neumayer: Arbeitszeit modernisieren, Bürokratie abbauen IV-Chefökonom Helmenstein: Verbesserte Auftragslage und Produktionserwartungen sowie Beschäftigungsaufbau in Österreich

Wien (OTS) - „Prima vista stellt sich der Jahresauftakt in konjunktureller Hinsicht durchaus positiv dar. Anknüpfend an eine sich beschleunigende Dynamik im Vorquartal vermochte die österreichische Industrie ihren Schwung über den Jahreswechsel hinaus in das Jahr 2017 mitzunehmen“, erklärte der IV-Generalsekretär, Mag. Christoph Neumayer, in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit IV-Chefökonom Dr. Christian Helmenstein bei der Vorstellung der Resultate des aktuellen Konjunkturbarometers aus dem 4. Quartal 2016 am heutigen Donnerstag.

Verlief die Entwicklung im Vorjahr zunächst zaghaft und zögerlich, wirkten im weiteren Jahresverlauf konjunkturpolitische Sondereffekte aus der Steuerreform, zusätzliche Staatsausgaben für die Flüchtlingsbetreuung und das freundlichere internationale Konjunkturumfeld. Dementsprechend verbessert sich die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage von +36 Punkten auf +41 Punkte. Zwar schätzen drei Viertel der Respondenten aus der Industrie den Geschäftsgang als unverändert ein, doch bei immerhin jedem fünften Unternehmen hat er sich zuletzt spürbar verbessert.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren ergibt sich zu diesem Erhebungstermin die günstige Konstellation, dass nicht nur der Indikator der aktuellen Geschäftslage nach oben weist, sondern sich simultan auch die Geschäftserwartungen weiter aufhellen, so IV-Generalsekretär Neumayer. Von einem bis dato niedrigen Wert von +6 Punkten kommend hat sich der Wert auf nunmehr +17 Punkte deutlich verbessert. Das IV-Konjunkturbarometer, welches als Mittelwert aus den Beurteilungen der gegenwärtigen Geschäftslage und der Geschäftslage in sechs Monaten bestimmt wird, legt folglich von +21 Punkten auf +29 Punkte zu. Aus der Erholung der zurückliegenden Quartale könnte ein Aufschwung in Österreich werden.

Wie tragfähig und dauerhaft die konjunkturelle Expansionsphase ausfällt, hänge zum einen von den standortpolitischen Rahmenbedingungen im Inland, zum anderen von externen, sowohl konjunkturellen als auch geopolitischen Faktoren ab. „Dennoch – im Einklang mit der stabilen Entwicklung der europäischen Konjunktur – stehen die Chancen gut, dass sich in Österreich im heurigen Jahr die Erholung des Vorjahres trotz abnehmender fiskalischer Stimulanz fortsetzen wird“, wie IV-Generalsekretär Neumayer ausführte. „In diesem Zusammenhang kann das Arbeitsprogramm der Bundesregierung durchaus positive Wirkung entfalten.“

Die Ergebnisse im Detail

Zuletzt markierte wohl der Jahreswechsel 1972/73 eine Ausgangslage, die von einer so enormen Diskrepanz zwischen dem konjunkturellen Umfeld einerseits und den (wirtschafts- und geo-)politischen Rahmenbedingungen andererseits geprägt war. Aus konjunktureller Perspektive heraus betrachtet sind die Konjunkturampeln in Europa wie auch in Österreich auf „Grün“ umgesprungen. In Europa sollte sich, unterstützt durch eine weiterhin ultraexpansive Geldpolitik, die graduelle Verbesserung der konjunkturellen Dynamik fortsetzen. Die Unterbewertung der europäischen Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar beziehungsweise die Aufwertung des US-Dollars gegenüber einem Korb anderer bedeutender Währungen trägt dazu ebenso bei wie die expansive Kreditvergabe an den privaten Sektor im Euroraum. Hinzu kommt, dass auch das strukturelle Defizit im Euroraum inzwischen auf Werte unter -1 Prozent gesunken ist, sodass die Staatshaushalte erstmals seit 2010 wieder konjunkturell neutral wirken werden.

Darüber hinaus hat sich die konjunkturelle Lage in einigen wichtigen Schwellenländern, insbesondere in Brasilien und Russland, stabilisiert. In China scheint der Umbau von einer export- in Richtung einer stärker binnennach-frageorientierten Wirtschaft einstweilen ohne harte Landung voranzukommen, in anderen Volkswirtschaften wie Indien hält die nach wie vor hohe Wachstumsdynamik an. Die Anzahl der mit mindestens vier Prozent realem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes aufwartenden Länder sollte gemäß IMF-Schätzung von gut 50 im Vorjahr um rund zehn im heurigen Jahr auf nahezu 75 Länder im kommenden Jahr zunehmen. Damit korrespondierend gibt auch der in den letzten beiden Jahren siechende Welthandel merklich stärkere Lebenszeichen von sich.

Ebenso verhält es sich mit der Entwicklung der Rohstoff- und Rohölpreise, die in den vergangenen Wochen ebenfalls auf eine zurückkehrende globale Wachs-tumsdynamik hindeuten. Lediglich die sich – nicht zuletzt aufgrund des statistischen Basiseffektes – erheblich beschleunigende Inflation in Europa wie auch in Österreich trübt das Bild eines grundsätzlich expansionsfreundlichen Konjunkturumfeldes etwas.

In scharfem Kontrast dazu steht eine seltene Häufung (geo)politischer Risken, angefangen von den nach wie vor unklaren Bedingungen des Brexits über die unbestimmte Dauer der EU-/Russland-Sanktionen bis zu protektionistischen und disintegrativen Interventionen der neuen US-Administration. Hinzu kommt das von Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland ausgehende Unsicherheitsmoment. Vor diesem Hintergrund erscheint es wahrscheinlich, dass sich die gegenwärtige Phase retrospektiv als die Ruhe vor der Turbulenz erweisen wird.

Zunächst aber entwickeln sich die Gesamtauftragsbestände robust: Zum zweiten Mal seit fünf Quartalen mit konsekutiven Rückgängen nehmen diese abermals von +39 auf +46 Punkte zu. Ebenfalls positiv, wenngleich nach dem starken Anstieg im Vorquartal weniger akzentuiert, fällt die Veränderung bei der Komponente der Auslandsaufträge aus, die von +40 Punkten auf +42 Punkte zulegt. Die Auftrags-reichweite erreicht damit nach geraumer Zeit wieder ein Niveau, welches Produk-tionsausweitungen erwarten lässt. Sofern sich die politischen Risken abschwächen, bevor sie schlagend geworden sind, lässt diese Konstellation einen in zunehmendem Maße auch investitionsgetragenen Aufschwung in Österreich erwarten.

Im Einklang mit der verbesserten Auftragslage gestalten die Unternehmen ihre Produktionsplanung für die nächsten Monate expansiv. Der saisonbereinigte Wert der Produktionstätigkeit auf Sicht eines Quartals legt von +17 Punkten auf +22 Punkte zu.

Die Aufhellung des Stimmungsbildes wirkt sich auch bei der Einstellungsneigung der Unternehmen aus. Der Saldo für den Beschäftigtenstand erhöht sich moderat von +5 Punkten auf +7 Punkte. Dieser im Vergleich eher unterkühlte Befund ist darauf zurückzuführen, dass der Anteil der Unternehmen, welche ihren derzeitigen Beschäftigtenstand trotz des günstigen Umfeldes nicht mehr zu halten vermögen, nochmals um einen Prozentpunkt auf 13 Prozent ansteigt.

Bei der Entwicklung der Verkaufspreise halten einander widerstreitende Einflüsse derzeit die Waage. Zwar schlagen sich die international vorhandenen Überkapazitäten weiterhin in einem hohen Preisdruck bei industriell erzeugten Produkten nieder, doch steigende Marktnotierungen für Industrierohstoffe und Energie erzwingen eine Kostenüberwälzung, sodass ein Saldo von exakt 0 Punkten resultiert. Die Ära fallender Verkaufspreise für Industrieprodukte ist somit wie erwartet zumindest vorübergehend Geschichte. Unter Berücksichtigung des entsprechenden zeitlichen Nachlaufs werden Industriegüter folglich ihren dämpfenden Einfluss auf den in jüngerer Zeit vor allem administrativ bedingten Preisauftrieb bei Konsumgütern in Österreich allmählich verlieren.

Aufgrund der nicht zur Gänze überwälzbaren Kostensteigerungen bei Vorprodukten verharrt der Saldo der Ertragslage aktuell bei +26 Punkten nach zuvor +27 Punkten. Dabei verdeckt die durchschnittliche Entwicklung das derzeit ungewöhnlich hohe Maß an Ertragsdifferenzierung nach Branchen und (Absatz-)Regionen. Auf Sicht von sechs Monaten drehen die Ertragserwartungen hingegen nach einem einmaligen Rücksetzer wieder in positives Terrain (Saldo +7 nach zuvor -4 Punkten). Dabei rechnen mehr als drei Viertel aller Unternehmen mit einer unveränderten Ertragssituation.

Zwt.: Die IV-Konjunkturumfrage: Zur Befragungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 436 Unternehmen mit rund 279.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt die folgende Methode zur Anwendung: den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.

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