TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 27. Jänner 2017 von Alois Vahrner "Guter Start auf einem schwierigen Weg"

Innsbruck (OTS) - Zuversicht, Versöhnlichkeit, Patriotismus und ein klares Bekenntnis zu Österreichs EU-Ausrichtung und demokratischen Werten: Alexander Van der Bellen legte mit seiner ersten Rede als Bundespräsident wichtige Marksteine fest.

Mehr als ein Jahr nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur, nach vielen Monaten ebenso erhitztem wie auch für Kandidaten und Bevölkerung ermüdendem Wahlkampf und gleich drei Wahlgängen ist es endlich vollbracht: Österreich hat mit Alexander Van der Bellen ein neues Staatsoberhaupt – 202 Tage, nachdem dieses höchste Amt im Staat wegen der Aufhebung der ersten Stichwahl vakant geworden war und sich die Entscheidung wegen des Fiaskos um den Wahlkartenkleber nochmals stark verzögert hatte. Alexander Van der Bellen ist der erste Präsident, der nicht für SPÖ oder ÖVP ins Rennen um die Hofburg gegangen war. Und der erste, der gleich zwei Mal mit Mehrheit gewählt wurde (mit der ersten, ungültigen Stichwahl).
Nie zuvor hat ein Präsidentenwahlkampf in Österreich derart polarisiert wie das Duell des früheren Grünen-Chefs gegen FPÖ-Kandidat Norbert Hofer. Über 46 Prozent jener, die zur Wahlurne gegangen sind, haben für Hofer gestimmt, und auch unter den knapp 54 Prozent Van-der-Bellen-Wählern waren viele, die Hofer als Präsidenten verhindern wollten (wie es dies auch im umgekehrten Falle häufig gab). Umso wichtiger war daher die Ankündigung Van der Bellens, Präsident für alle Österreicherinnen und Österreicher sein zu wollen. Ein Brückenbauer wolle er sein, die Spaltung im Land sehe er so nicht. Wohl wegen der Ankündigung im Wahlkampf, keinen blauen Bundeskanzler angeloben zu wollen, blieb der Applaus der FPÖ-Spitze gestern sehr kurz. Hier gilt es wohl für beide Seiten, rasch an den Brückenbau zu gehen.
Van der Bellen, der einst als Flüchtlingskind ins Kaunertal gekommen war, nannte Österreich ein „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, dessen Errungenschaften weit größer seien als die geografische Größe. Und er warb für Zuversicht und Zweifel in dieser turbulenten Zeit. Der neue Präsident legte ein flammendes Bekenntnis zur europäischen Idee als Friedenswerk und zu Österreichs Mitwirken in der EU ab. Und er warnte vor einfachen Antworten, vor Nationalismus und Kleinstaaterei – beklatscht erfreulicherweise auch von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.
Demokratische Werte, Freiheit, Gleichheit und Solidarität betonte Van der Bellen ebenfalls. Was lange als selbstverständlich galt, ist es angesichts vieler Bedrohungen, aber auch mit Blick in die USA, der westlichen Führungsmacht, nicht. Dort schockt der neue Präsident Donald Trump täglich mit neuen Ankündigungen: Mauern zu Nachbarn, ein Vorstoß zur Folter, Aussagen gegen Minderheiten und Muslime sowie Attacken gegen freie Medien. Vielen wird wohl klar, was sie (trotz aller Schwächen) an Österreich und der EU haben.

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