WGKK: Selbstbehalte beim Arzt sind ein Auslaufmodell...

Selbstbehalte haben sich international nicht bewährt. „Sie sind finanziell gesehen ein Tropfen auf den heißen Stein und sprengen die Solidargemeinschaft“, sagt WGKK-Obfrau Reischl

Wien (OTS) - International erprobt – und dann wieder abgeschafft: Ein Vergleich europäischer Länder zeigt, dass der Trend in Richtung weniger Selbstbehalte für Patientinnen und Patienten geht.
Denn die Kostenbeteiligung erhöht das Risiko, dass Betroffene notwendige Untersuchungen nicht in Anspruch nehmen. Zudem lösen Selbstbehalte einen immensen Verwaltungsaufwand aus, wie eine Studie für die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) belegt. Demnach müssten an die 60 Prozent der Anspruchsberechtigten der WGKK aus sozialen Überlegungen von Selbstbehalten beim Ordinationsbesuch ausgenommen werden, 40 Prozent müssten zahlen. „Das sprengt die Solidargemeinschaft und ist finanziell gesehen ein Tropfen auf den heißen Stein“, resümiert WGKK- Obfrau Ingrid Reischl.

Praxisgebühr in Deutschland wieder abgeschafft

Ob Deutschland, die Schweiz oder die Niederlande: „Die Erfahrungen mit Selbstbehalten in diesen Ländern haben zweierlei gezeigt: Es kommt einerseits zu gesundheitlichen und finanziellen Auswirkungen zu Lasten ohnehin schon benachteiligter Gruppen. Andererseits wird der hohe administrative Aufwand bei der Planung oft unterschätzt“, fasst Agnes Streissler-Führer, Wirtschaftswissenschafterin und seit kurzem Mitglied der Bundesgeschäftsführung der GPA-djp, prominente Beispiele aus Europa zusammen.

So habe etwa die Praxisgebühr in Deutschland die damals hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllt. Das Ziel, unnötige Arztbesuche zu verhindern, wurde - über mehrere Jahre betrachtet – verfehlt. Stattdessen haben Untersuchungen ergeben, dass Patientinnen und Patienten mit schlechtem Gesundheitszustand aufgrund der Praxisgebühr seltener zum Arzt/zur Ärztin gingen. Parallel dazu stieg vor allem für die Mediziner der Verwaltungs- und Verrechnungsaufwand. Letztlich wurde die Praxisgebühr wieder abgeschafft. Ein Trend, den Streissler-Führer generell wahrnimmt: „Sieht man sich die Entwicklung seit dem Jahr 2000 an, so sind in der überwiegenden Mehrheit der OECD-Länder die Eigenbeteiligungen der Patientinnen und Patienten gesunken.“

Einnahmen unter fünf Millionen Euro

Auch für WGKK-Obfrau Ingrid Reischl kommt ein Selbstbehalt beim Ordinationsbesuch nicht in Frage: „Das würde bedeuten, dass wir das System über kranke Menschen finanzieren, die beim Arztbesuch zahlen müssen. Das ist weder der Lenkungseffekt, noch die Art der Finanzierung, die ich mir wünsche.“ Zumal eine Studie für die WGKK weitere Nebenwirkungen eines Selbstbehaltes zum Vorschein gebracht hat. Bei der vorhandenen Versicherten-Struktur müsste die Mehrheit aus sozialen Überlegungen ausgenommen werden.

Zieht man eine Einkommensgrenze von 1250 Euro netto, ab der der Selbstbehalt anfallen würde, so wären nur 40 Prozent von der Zuzahlung betroffen – für 60 Prozent der Anspruchsberechtigten der WGKK würden Ausnahmeregelungen gelten, darunter Kinder, Karenzierte, oder eben Personen unterhalb der genannten Einkommensgrenze.

Im Umkehrschluss wären die Einnahmen für die WGKK überschaubar. Streissler-Führer: „Selbst unter sehr konservativer Schätzung des nötigen Verwaltungsaufwandes würden die Mehreinnahmen weniger als fünf Millionen Euro betragen.“ Reischl dazu: „Für die Gebietskrankenkassen ist das kein Modell. Die finanziellen Auswirkungen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Dafür riskieren wir, dass der Solidaritätsgedanke der gesetzlichen Krankenversicherung ausgehöhlt wird.“

Mehr Infos zur WGKK-Studie und internationalen Trends unter:
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