Gedenktag: Akademie der Wissenschaften und Parlament erinnern an NS- Sammellager in Wien

Zeitzeugen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag

Wien (PK) - 66.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Der Weg in die Vernichtung begann für viele dieser Menschen in Wien, in den Sammellagern im 2. Bezirk. Am 27. Jänner 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit, seit 2005 wird an diesem Tag international des Holocausts gedacht. Im Vorfeld dieses Gedenktages haben die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und das Österreichische Parlament in den Festsaal der ÖAW zu Gesprächen mit überlebenden Zeugen nationalsozialistischer Verfolgung geladen. Unter dem Titel "Letzte Orte vor der Deportation - Die Sammellager in Wien Leopoldstadt. Überlebende berichten", geben ZeitzeugInnen und HistorikerInnen über die NS-Verfolgung Auskunft.

Erinnerungen an die Sammellager in Wien

Mehr als 45.000 Österreicherinnen und Österreicher wurden in den Jahren 1941/42 an den drei Standorten in Wien-Leopoldstadt, Kleine Sperlgasse, Castellezgasse und Malzgasse interniert - es war ihre letzte Station vor der Deportation. Heute gedenken wir des Schicksals der Deportierten an diesen "letzten Orten", sagte der Präsident der Österreichische Akademie der Wissenschaften, Anton Zeilinger, zur Eröffnung der Gedenkveranstaltung. Erst 1991 habe Österreich seine Mitverantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus offiziell anerkannt. Das im Jahr 2000 errichtete Holocaust Denkmal am Judenplatz erinnert heute mahnend an die damaligen Ereignisse. Ihm sei es ein besonderes Anliegen, den emotionalen Konnex des Holocaust an junge Generationen zu vermitteln, sagte Zeilinger.

Der Holocaust begann - in unserer Mitte - in den Sammellagern in Wien, führte Nationalratspräsidentin Doris Bures in das Thema ein. Auf Basis der Berichte von Zeitzeugen wie Arik Brauer und Helga Feldner-Busztin können wir uns auch in Zukunft an diese Orte erinnern, so Bures. Einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen leistet auch die Ausstellung der Akademie der Wissenschaften am Wiener Heldenplatz, gratulierte Bures und dankte der Akademie der Wissenschaften für die Aufarbeitung dieses "dunkelsten Kapitels unserer Zeitgeschichte" (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 49/2017).

Die Welt besteht aus Einzelpersonen - Persönliche Zugänge zum Holocaust

Aus unterschiedlichen Perspektiven blickten Arik Brauer und Helga Feldner-Busztin in ihren Erinnerungen auf die Wiener Sammellager zurück. Beide betonten, dass sie im Laufe der Zeit lernten, die Welt in Einzelpersonen statt in Gruppen zu sehen. So konnten sie das Erlebte verarbeiten, nicht aber vergessen. Arik Brauer wurde als Sohn eines jüdischen Schuhmachers in Ottakring geboren. Die Herrschaft der Nationalsozialisten beendete seine unbeschwerte Kindheit. Brauers Vater starb in einem Konzentrationslager, er selbst überlebte in einem Versteck. "Die Nazizeit habe ich als Arbeiter in der Tischlerei der Kultusgemeinde überlebt und war in den Lagern und Einrichtungen tätig", sagte Brauer. "Im Grunde genommen habe ich Luxusmöbel für die Gestapobonzen erzeugt", berichtete er über seine Arbeit. Die Wiener wussten, was mit den Juden geschieht. Als Wien schon fast "judenfrei" war, wie die Nazis das nannten, fanden nur mehr kleine Transporte statt, von Leuten organisiert, die verhindern wollten, an die Ostfront versetzt zu werden, erinnerte sich Brauer.

Die ersten beiden Sammellager waren in jüdischen Schulen in der Castellezgasse 35 und der Kleinen Sperlgasse 2a errichtet worden. Im Juni 1942 folgte die Einrichtung der Sammellager Malzgasse 16 und 7 -beides ebenfalls ehemalige jüdische Schulgebäude, die zu diesem Zeitpunkt als Altersheime der Israelitischen Kultusgemeinde genutzt wurden. "Wir durften uns innerhalb der Orte frei bewegen, diese aber nicht verlassen", erzählte Helga Feldner-Busztin über ihre kurze Zeit in einem der Sammellager. Sie gehörte zu jenen Jüdinnen, über deren Familie eine schützende Hand gehalten wurde. Dennoch wurde sie mit Mutter und Schwester schließlich in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie Feldarbeit leisten musste.

Durch den Judenstern habe sie sich ausgegrenzt und gezeichnet gefühlt. Ich traute mich nicht, ohne den gelben Stern das Haus zu verlassen, so Feldner-Busztin. Die Menschen hätten darauf unterschiedlich reagiert, berichtete Feldner-Busztin und schilderte positive wie negative Erfahrungen. Ein Exemplar eines gelben Sterns, den Feldner-Busztin zur Veranstaltung mitgebracht hatte, erweckte großes Interesse beim Publikum.

"Die Sammellager spielen in den Erinnerungen von Überlebenden unterschiedliche Rollen". Für jene, die deportiert wurden, war es "einer von vielen miesen Orten". Für jene, die wieder entlassen wurden, war es eines der traumatischsten Erlebnisse. Von ihnen erhielten wir die detailliertesten Erzählungen, informierten die Wissenschaftler Dieter Hecht und Michaela Raggam-Blesch, aus Interviews mit Überlebenden der NS-Verfolgung.

Das "Wiener System der Deportation" spielte eine zentrale Rolle in der Entstehung der Judenräte, führte Schriftsteller Doron Rabinovici aus, dessen Mutter zwei Konzentrationslager überlebt hat. In Wien wurde das "Modell" nationalsozialistischer Judenpolitik entwickelt und erprobt. Eine Zentralstelle für jüdische Auswanderung wurde eingesetzt, mit der die Nazis erst die Massenvertreibung, dann die Deportation in die Vernichtungslager organisierten, berichtete er über die Situation der Verfolgten.

Im Anschluss vermittelte ein Ausschnitt des Films "Letzte Orte. Letzte Zeugen, Wien 2016" von Frederik Baker visuelle Eindrücke zur Erinnerung an Wien zur Zeit des Holocaust. Gezeigt wurden Interviewbeträge mit weiteren ZeitzeugInnen.

Letzte Orte vor der Deportation - Ausstellung in der Krypta des Heldendenkmals

Unter der Moderation von Gerhard Baumgartner, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, fanden Gespräche mit HistorikerInnen des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Akademie der Wissenschaft statt. In den Beiträgen ging es um den Prozess von der Einberufung bis zur Deportation. Zu den HistorikerInnen zählten die Kuratorinnen der Ausstellung "Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse", Heidemarie Uhl und Monika Sommer. Die Ausstellung der Akademie der Wissenschaften - sie ist bis 30. Juni 2017 zugänglich - war themengebend für die Gedenkveranstaltung. In der Krypta des Heldendenkmals wird an vergessene Orte des Holocaust und an die Schicksale der Opfer erinnert.

Der "Zivilsationsbruch" mitten in der Stadt, war laut Uhl der Anstoß für diese Ausstellung. Die Sammellager, in denen mehr als 45.000 Menschen interniert wurden, hatten große Bedeutung für die Deportationen. Dennoch zählen sie zu den "vergessenen Orten", die im Gedächtnis Wiens und Österreichs nicht präsent sind, so Uhl. Die Ausstellung erinnert an Sammellager durch aktuelle Fotos, die Gegenwartsnähe schaffen, erörterte Sommer die kuratorischen Hintergründe. Gezeigt werden Häuser und Schulen mit Fokus auf dem Prozess der Deportation. Es gibt nur wenige Fotos aus der damaligen Zeit, umso wichtiger sind die Stimmen und Zeugnisse jener Menschen, die über diese Lager aus der Perspektive der Verfolgten berichten, unterstrich Sommer.

Diese Ausstellung fokussiert auf die Schlüsselfunktion der Sammellager bei der Organisation der Massendeportationen. Zunächst wurden die von der "Zentralstelle" zur Deportation bestimmten Personen mittels Postkarten aufgefordert, in das Sammellager "einzurücken". Da dieser Aufforderung nicht nachgekommen wurde, wurden ab November 1941 Jüdinnen und Juden in ihren Wohnungen und auf der Straße "ausgehoben". Die Insassen des Sammellagers waren in ständiger Angst vor der sogenannten "Kommissionierung". In diesem letzten Akt der Demütigung und Beraubung wurde über Zurückstellung, Entlassung oder Deportation entschieden, berichteten die HistorikerInnen. (Schluss) gro

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.

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