TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 24. Jänner 2017 von Marco Witting "Solidarität über Grenzen hinweg"

Innsbruck (OTS) - An Maßnahmen zum Hochwasserschutz im Unterland führt kein Weg vorbei. Statt Kirchturmdenken braucht es hier rasche Lösungen auf breiter Basis. Hundertprozentigen Schutz vor Naturgewalten wird es aber nie geben.

Naturgewalten kennen keine Landes- oder Gemeindegrenzen. Und so viel die Experten auch kalkulieren: Ein Hochwasserereignis bleibt in letzter Konsequenz wohl immer unberechenbar. In der Theorie spricht man von einem hundertjährigen Hochwasser. In der Praxis ist das für die betroffenen Unternehmer, Bauern oder Häuslbauer, denen im Schadensfall das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht, kein Trost, dass so etwas nur alle 100 Jahre vorkommen soll. Tirol hat diese Erfahrungen in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach machen müssen. Doch in einer Zeit, in der der Mensch längst in Gebiete vorgedrungen ist, die die Vorgängergenerationen gemieden haben, in einer Zeit, in der immer mehr verbaut und versiegelt wird, braucht es gemeinsame Anstrengungen für einen umfassenden Hochwasserschutz. Das Problem zur Nachbargemeinde zu verlagern und Kirchturmdenken auf vielen Ebenen bringt nämlich letztlich niemanden etwas.
Speziell im Unterland hegte man zuletzt immer noch die Hoffnung, mit vielen kleinen Rückhaltebecken und Retentionsflächen in den Seitentälern könne man die im Unterinntal geplanten Maßnahmen lockern. Die vom Land in Auftrag gegebene und jetzt präsentierte Studie hat diese Hoffnung jetzt wohl ein für alle mal zerschlagen. Lokale Maßnahmen in den Tälern bringen nichts für ein mögliches Inn-Hochwasser. Außerdem wären über 130 gleichzeitig zu errichtende Rückhaltebecken ein enormer logistischer und vor allem finanzieller Aufwand. Das klingt mindestens genauso schwer wie das, was man im Unterland machen will.
Durch eine Kombination von Schutzmaßnahmen und Retentionsräumen will man am Inn rund 4400 Häuser und Betriebe schützen. Dem gegenüber stehen vor allem Bauern, die sich über enormen Grundverbrauch und steile Dämme beklagen, die um ihre Existenz fürchten. Auch etliche Gemeinden sehen enorme Kosten auf sich zukommen. Und Häuslbauer sehen angesichts von roten und gelben Zonen ohnehin schwarz. Letztlich geht es um drei Dinge: sehr sehr viel Geld, das Bewusstsein für die Probleme der Nachbargemeinde und Solidarität. Wenn aber weiter nur diskutiert wird, verzögern sich die notwendigen Maßnahmen. Und niemand weiß, wann die nächste Katastrophe kommt. Dabei muss uns ja ohnehin bewusst sein, dass es einen hundertprozentigen Schutz vor Naturkatastrophen nie geben kann. Mit dieser Demut müssen alle in die anstehenden Verhandlungen zum Hochwasserschutz gehen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001