TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 21. Jänner 2017 von Mario Zenhäusern - Start ins Ungewisse

Innsbruck (OTS) - Mit Donald Trump regiert seit gestern die Unberechenbarkeit in einem der mächtigsten Länder dieser Welt.
Was das für Europa bedeutet, wird sich weisen. Die Vorzeichen stehen jedenfalls auf Veränderung.

Donald Trump ist seit gestern der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Ein eigenwilliger, 70-jähriger Milliardär bar jeder politischen Erfahrung regiert zumindest für die nächsten vier Jahre eines der mächtigsten Länder dieser Welt. Diese Tatsache ist zu respektieren. Und sie passt irgendwie auch zum Klischee vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Der Rest der Welt verharrt in einer Mischung aus Anspannung und der Hoffnung, dass nichts so heiß gegessen wie gekocht wird. Dass nun ein Offizier samt Koffer mit den amerikanischen Nuklear-Codes den bis dato unberechenbaren neuen US-Präsidenten auf Schritt und Tritt begleitet, trägt nicht zur Entspannung bei. Trump ist ab sofort jederzeit in der Lage, den Einsatz von Atomwaffen freizugeben. Eine beklemmende Vorstellung.
Mit Donald Trump zieht die Ungewissheit ins Oval Office im Weißen Haus ein. Die Ungewissheit darüber, welchen Kurs der Republikaner einschlagen wird. Im Wahlkampf hatte er keine Gelegenheit ausgelassen, um Freunde wie Feinde zu verunsichern, indem er in regelmäßigen Abständen abwechselnd die NATO oder das Welt-Klimaabkommen in Frage stellte, Strafzölle auf Autoimporte und eine Mauer an der mexikanischen Grenze ankündigte oder das Ende der EU prophezeite.
Die Meinungen darüber, was von diesen zum Teil unverhohlenen Drohungen zu halten ist, gehen auseinander. Donald Trump ist, anders als zum Beispiel Wladimir Putin, kein Alleinherrscher, der schalten und walten kann, wie er will. Der US-Präsident muss Rücksicht auf den Kongress nehmen. In dem haben seine Republikaner zwar sowohl im Senat als auch im Abgeordnetenhaus die Mehrheit. Aber die vergangenen Monate haben gezeigt, dass weder Partei noch Ministerriege sämtliche Schachzüge des Chefs abzunicken bereit sind. Nicht zuletzt dürfte die Realpolitik auch dem Macho Trump einen sanfteren Kurs aufzwingen. Trotzdem: Europa wird sich wohl oder übel auf Veränderungen einstellen müssen. Trump ließ nicht nur einmal durchblicken, dass er kein Interesse an einer starken EU hat. Ob er tatsächlich sämtliche transatlantischen Bande kappt und sein Programm „America first“ durchzieht, wird sich weisen. Und selbst wenn: Die europäische Gemeinschaft könnte, nein, müsste die neue Situation zur dringend notwendigen Neufindung nützen. Denn zumindest in diesem Punkt hat Trump Recht: In ihrer derzeitigen Form hat die EU keine Zukunft.

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