TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 12. Jänner 2017 von Michael Sprenger - Des Kanzlers Kern

Innsbruck (OTS) - In seiner Grundsatzrede verließ SPÖ-Chef und Kanzler Christian Kern einerseits die sozialdemokratische Tabuzone, andererseits schlug er wieder klare linke Töne an. Eine Rede jedenfalls, die eine notwendige Debatte lostreten soll.

Unterschiedlicher hätte es nicht sein können: hier die Vorschläge und Aussagen der ÖVP in und am Rande ihrer Klubklausur im steirischen Pöllauberg, dort die Grundsatzrede des SPÖ-Vorsitzenden und Kanzlers Christian Kern in Wels. ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner gab den Auftakt, indem er in der Flüchtlingsfrage „harsch“ eine Halbierung der Obergrenze verlangte. Zuvor hatte sein Innenminister Wolfgang Sobotka wieder von Neuwahlen gesprochen und dem Koalitionspartner Schnüffeldienste gegen ÖVP-Zukunftshoffnung Sebastian Kurz unterstellt. Beide Aussagen können als Signale weg von der SPÖ gedeutet werden. Ob dies auch Mitterlehner so sieht, sei dahingestellt. Er scheint in seiner Partei längst selbst ein Getriebener zu sein.
Christian Kern versuchte mit seinem „Plan A“ die SPÖ zurück auf den verlassenen Weg und so Österreich in die Zukunft zu führen. Kein Seitenhieb auf den Koalitionspartner, aber eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit seiner Partei. Kerns Grundsatzrede sollte zeigen, wofür der SPÖ-Chef steht, wie er die SPÖ wieder zur dominanten politischen Kraft machen will, was er gedenkt, in seinem zehnjährigen politischen Projekt umzusetzen.
Und dabei konnte Kern durchaus überraschen, indem er sozialdemokratische Tabuzonen verließ und zugleich einen linken Kurs einschlägt. In der Wirtschaftspolitik will er dabei eine Allianz mit den Unternehmern eingehen, wenn es darum geht, Regulierungen radikal abzubauen, Firmengründungen zu erleichtern und Lohnnebenkosten zu senken. Bei den Universitäten sprach er sich für das Leistungsprinzip aus und für Zugangsregelungen, ohne dabei soziale Hürden einzubauen. Auf der anderen Seite verlangte er einen Mindestlohn von 1500 Euro, die Abschaffung des Pflegeregresses und die Rückkehr zur Erbschaftssteuer.
Kern wählte als Ort für seine Rede bewusst Wels. Die zweitgrößte Stadt Ober-österreichs steht für eine selbstgefällige SPÖ, die nach Jahren an der Macht von der FPÖ vom Thron gestoßen worden ist. In Wels wurde auch 1980 vom damaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger angesichts des AKH-Skandals dazu aufgerufen, die „sauren Wiesen“ trockenzulegen. Nun will Kern von Wels aus – mit neuem Wahlrecht – für einen Aufbruch sorgen, der weiter geht als die tagespolitischen Aussagen vom Pöllauberg. Die Rede hat es sich jedenfalls verdient, lange und intensiv debattiert zu werden.

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