OÖNachrichten-Leitartikel: "Warum ausgerechnet in Wels?", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 11. Jänner 2017

Linz (OTS) - Heute wird Bundeskanzler Kern im Welser Messezentrum seine Grundsatzrede zur Lage der Nation halten. Ausgerechnet in Wels also, in einer Stadt, in der die SPÖ ihre 70 Jahre hindurch bestandene Mehrheit und damit den Bürgermeister an die FPÖ verloren hat. Es geht mit dieser Wahl des Ortes um eine bewusste Symbolik, darum, zum Ausdruck zu bringen, dass nichts garantiert ist, keine vermeintlich stabil geglaubten politischen Positionen. Symbol des Niedergangs hat „profil“ die Stadt Wels genannt, auch das aus dem Blickwinkel der Sozialdemokratie nicht komplett daneben.
Noch viel mehr kann in diese Ortswahl hineininterpretiert werden – und nichts davon ist vielleicht völlig verkehrt. Wels, das kommt hinzu, wird in der Kanzlerpartei als ein Abbild Österreichs im Kleinen gesehen, mit hohem Ausländeranteil, hoher Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen, starker Erosion tradierter Verhältnisse, einer Identitätskrise der Stadt wie auch der SP.
Wer Österreich in Wels im Kleinen gespiegelt sieht, der liegt richtig, verkennt allerdings die Vielzahl an weiteren Gründen für den erfolgten Machtwechsel. Der Großteil davon ist lokaler Natur:
Führungsschwäche an der Spitze der Stadt, politische Überheblichkeit verbunden mit dem Gefühl vermeintlicher Unangreifbarkeit, Flügelkämpfe in der Partei. Dazu: Wels hat enorm Kaufkraft an das Umland verloren, es hat als erste große Stadt den Gemeindebau für Ausländer geöffnet. Und dann hat sich die SP als Bürgermeisterpartei schlimme administrative Versäumnisse geleistet, sie hat unter dem letzten SP-Bürgermeister das straffe kommunale Führen mit „laissez-faire“, also dem bloßen Begleiten der Dinge, verwechselt. Auf dieser Basis kann der neue Welser Bürgermeister Rabl nunmehr Problem um Problem analytisch und konsequent abarbeiten, er signalisiert Aktivität, ein deutlicher Kontrast zum Vorgänger, der Methodenwechsel ist erkennbar. Insofern ist Wels also doch eine passende Metapher, aber weniger für Österreich, sondern als ein mögliches Abbild Wiens in kleinem Maßstab. Auch in Wien hat sich die SP, ähnlich wie in Wels, in Flügelkämpfe verrannt. Auch in Wien fühlt sie sich kraft jahrzehntelanger Dominanz unverwundbar – und es gibt Baustellen und Problemzonen sonder Zahl. Vielleicht also will Christian Kern genau an diese Parallele erinnern. Schließlich geht es bei Wien um die letzte dominante rote Bastion.

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