Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 9. Jänner 2017. Von MICHAEL SPRENGER. "Wer in der ÖVP das Sagen hat".

Innsbruck (OTS) - In der ÖVP erschallt der Ruf nach Doppellösung. Mitterlehner soll Parteichef bleiben, Kurz die ÖVP in die Wahl führen. Dieser vermeintliche Königsweg ist aber nichts anderes als eine angesagte Hinrichtung Mitterlehners in Etappen.

Reinhold Mitterlehner ist vielleicht der beste ÖVP-Obmann in der jüngeren Parteiengeschichte. Trotzdem traut ihm in der Partei kaum jemand zu, die ÖVP aus ihrem Tief zu holen, sie gar wieder zur stimmenstärksten Partei zu machen. Die Hoffnung in der ÖVP ruht hingegen auf den Schultern von Sebastian Kurz. Der junge Außenminister verfügt über fulminante persönliche Umfragewerte. Bei Kurz fangen manche in der ÖVP wieder vom Kanzleramt zu träumen an. Also wundert es wenig, wenn immer mehr in der Partei einer Doppellösung (und einer späteren Ämtertrennung) das Wort reden. Mitterlehner soll Parteiobmann bleiben, Kurz, wenn es so weit ist, die ÖVP als Spitzenkandidat in die kommende Nationalratswahl führen. Die Idee hatte in der bayerischen CSU ebenso wie in der CDU durchaus Tradition, in der Südtiroler VP war eine tatsächliche Ämtertrennung in der Ära Luis Durnwalder ein Erfolgsrezept. Doch wenn man schon den Vergleich mit den befreundeten Parteien bemüht, muss man auch hinzufügen, dass dort die Vorzeichen durchaus andere waren. Franz Josef Strauß etwa war es egal, wer unter ihm Ministerpräsident war. Er war CSU-Vorsitzender. Als er Ministerpräsident wurde, blieb er Vorsitzender. Er wusste, warum. CDU-Chef Helmut Kohl wiederum ließ 1980 Strauß den Vortritt als Kanzlerkandidat, um ihn als internen Konkurrenten loszuwerden. Als er zwei Jahre später Kanzler wurde, blieb er Vorsitzender. Er wusste, warum.
Bei Durnwalder wiederum wusste jeder in Südtirol, wer das Sagen hat. Nicht die SVP-Chefs Roland Ritz, Siegfried Brugger, Elmar Pichler Rolle oder Richard Theiner. Dieses Modell funktionierte – aufgrund der Persönlichkeit Durnwalders. Die Partei war stets das Klavier, auf dem er spielte.
Doch wer sollte in der ÖVP in die Tasten klopfen, wer soll dort das Sagen haben, wenn man sich auf eine Doppellösung einigen sollte? Mitterlehner kann die Antwort geben. Er wird es nicht sein, der in der ÖVP den Takt anschlägt. Das wäre auch geradezu grotesk. Wenn man mit Kurz die Nationalratswahlen gewinnen will, dann muss er auch den Kurs vorgeben – und Mitterlehner darf dann bestenfalls wie ein schüchterner Bub alles abnicken, was Kurz sagt. Mitterlehner kann die Antwort geben, dass er sich für so ein Spiel nicht hergibt. Insofern kommt eine Doppellösung für die ÖVP niemals in Frage. Wer sie dieser Tage ins Spiel bringt, macht dies nur, weil der Mut zum Obmannschlachten noch nicht vorhanden ist.

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