TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 24. Dezember 2016 von Mario Zenhäusern "Brief ans Christkind"

Innsbruck (OTS) - Anhaltende Flüchtlingskrise, Terroranschläge, Kriege – die Bilanz des Jahres 2016 fällt ernüchternd aus.
Wer trotzdem an eine friedvolle Zukunft glaubt, braucht viel Optimismus.

Weihnachten ist das Fest des Friedens, heißt es. Davon ist derzeit wenig zu spüren. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht wendet sich ja alles zum Besseren, wird Weihnachten tatsächlich zum Fest des Friedens. Wenn schon nicht heuer, dann 2016.
Mit diesen Sätzen endete mein Leitartikel zum Weihnachtsfest 2015. Nun, der erhoffte Frieden ist weiter entfernt denn je. Leider. Er liegt begraben in den zerbombten Häuserschluchten von Aleppo, ist im Mittelmeer untergegangen mit Hunderten Flüchtlingen, wurde in die Luft gesprengt durch eine in Ausmaß und Konsequenzen bisher noch nie dagewesene Serie von blutigen Amokläufen und brutalen Terroranschlägen. Wer angesichts dieser Auflistung des Schreckens noch an eine friedliche Zukunft glaubt, braucht eine große Portion Optimismus.
Und trotzdem: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist ja nicht vollkommen ausgeschlossen, dass die Politik die aktuelle Debatte darüber, wie der Attentäter von Berlin so lange unbehelligt in Deutschland leben und seine Tat in aller Ruhe vorbereiten konnte, zu einer ernsthaften, ehrlichen Asyldebatte nützt. Nicht nur in Deutschland und nicht nur in Europa. Dass endlich darüber geredet wird, Flüchtlinge mit positivem Asylbescheid so schnell und so umfassend wie möglich zu integrieren, und jene, deren Asylbegehren negativ beschieden wird, so schnell wie möglich außer Landes zu bringen. Dass die europäischen Staaten endlich die Asylkriterien harmonisieren und die finanzielle Hilfe für die Herkunftsstaaten massiv anheben, um die Auswanderungswelle zu stoppen.
Es ist zumindest theoretisch möglich, dass in Syrien, in der Ukraine, im Nahen Osten und in den vielen anderen Krisenherden dieser Welt wieder Ruhe einkehrt. Und es ist weiters denkbar, dass die österreichische Bundesregierung das Jahr 2017 tatsächlich als Arbeitsjahr betrachtet und all jene Reformen auf die Reise schickt, die beide Koalitionspartner bereits jetzt als dringend notwendig erachten, deren Umsetzung aber wechselseitig blockieren.
Zugegeben, das alles klingt wie aus einem Brief ans Christkind. Aber warum eigentlich nicht? Die Menschen in Österreich mögen politisch nicht immer einer Meinung sein, waren es in der jüngsten Vergangenheit auch nicht. Wenn es aber um Hilfe für Notleidende geht, darum, etwas abzugeben für andere, die weniger haben, steht das ganze Land zusammen. Gerade jetzt, zur Weihnachtszeit. Diese gelebte Solidarität ist ein schönes Beispiel dafür, was alles möglich ist. Frohe Weihnachten.

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