TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Dezember 2016 von Matthias Christler "Gute Hacker braucht das Land"

Innsbruck (OTS) - Die Verbrechen im Internet erreichen neue Dimensionen: Eine Milliarde Mail-Konten wurden gehackt und Wahlen möglicherweise beeinflusst. Österreich zeigt zarte Ansätze in der Abwehr von Cyber-Angriffen, hinkt aber bei einem Gesetz um Jahre hinterher.

Im Prinzip könnte jeder, der zu Hause einen WLAN-Router installiert hat, dazu beigetragen haben, dass der Attentäter von Berlin nicht umgehend verhaftet wurde. Die Behauptung klingt bizarr, ist aber realistischer als viele Verschwörungstheorien im Netz. Im konkreten Fall geht es um jenes Online-Portal, auf das Zeugen Beweismaterial hochladen sollten. Am Abend des Anschlags war es über zwei Stunden nicht erreichbar. Das Portal wurde böswillig mit Millionen Anfragen bombardiert, um die Arbeit der Ermittler zu behindern. Solche Attacken laufen oft über gehackte WLAN-Router in aller Welt; ohne dass es deren Besitzer wissen.
Im Internet ist so viel mehr möglich, als viele ahnen, im Guten wie im Schlechten, für Einzeltäter, Terroristen, Banden oder feindlich gesinnte Regierungen. Die Liste der Beispiele wird stetig länger:
Durch gestohlene Online-Dokumente könnte die US-Wahl entscheidend beeinflusst worden sein. Der Datenklau beim Mail-Anbieter Yahoo mit einer Milliarde betroffener Konten gilt als größter der Geschichte. Dazu gesellen sich täglich weitere vernetzte Geräte im Haushalt, so lassen sich per App Jalousien steuern oder man schaut sich die Bilder der Überwachungskamera am Smartphone an. Praktisch, doch so ergeben sich auch Einblicke für Einbrecher.
Gefahren wie diese werden in Österreich, einem Land, in dem das beliebteste Passwort nach wie vor „Passwort“ lautet, kaum richtig eingeschätzt. Wie auch? Begriffe wie Cyberangriffe lösen kein unbehagliches Gefühl aus, weil sie zu abstrakt, nicht greifbar sind. Es muss in die Köpfe, dass es oft um gemeinen Diebstahl, Raub, gefährliche Drohung und Erpressung geht.
Deutschland hat 2015 ein Cyber-Sicherheitsgesetz beschlossen, mit dem Unternehmen gezwungen werden, Angriffe zu melden und Mindestsicherheitsstandards einzuführen. In Österreich war ein Entwurf des Gesetzes für Ende 2015 angekündigt, dann für Ende 2016, gestern hieß es aus dem Innenministerium, dass es 2017 so weit sein soll – der Entwurf, nicht das fertige Gesetz.
Die Idee des Ministeriums, talentierte „Hacker“ zu rekrutieren, ist hingegen ein sinnvoller Teil einer noch schwach vernetzten Strategie. Zu deren Erfolg braucht es auch, dass jeder Private regelmäßig Passwörter ändert, dass Unternehmen ihre Systeme pflegen und dass den vielen jungen, am Internet interessierten Menschen Ausbildungswege in eine Branche der Zukunft geebnet werden. Denn wenn nicht bald ausreichend viele, gut geschulte IT-Profis auf der richtigen Seite arbeiten, nutzen Kriminelle die schlampig geschützten Systeme weiter so schamlos für ihre Zwecke aus.

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