TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 1. Dezember 2016 von Theresa Mair - Wissen allein reicht bei HIV nicht

Innsbruck (OTS) - Die Therapie von HIV macht laufend Fortschritte. Gleichzeitig stecken sich noch jedes Jahr Zigtausende Europäer mit dem Virus an. Das Bewusstsein der Bevölkerung für das Virus muss dringend wiederbelebt werden.

Denken Sie an Charlie Sheen oder an Gerry Keszler. Die Überraschung war groß, als der Schauspieler und der Life-Ball-Initiator vergangenes Jahr der Öffentlichkeit mitteilten, seit einer Ewigkeit mit HIV infiziert zu sein. Niemand hat es ihnen angesehen. Das ist der eine Punkt. Wer den Virus hat, sieht nicht automatisch krank aus. Fast die Hälfte der Infizierten weltweit weiß ja selbst nicht einmal, dass sie HIV hat.
Der zweite Punkt ist: Dank unermüdlicher Forschung sind Betroffene inzwischen gut behandelbar. Unter der Voraussetzung einer Therapie kann die Virenlast so weit zurückgedrängt werden, dass sich Betroffene weniger fürchten müssen, andere anzustecken. Das führt wiederum zurück zu Punkt eins: Man muss sich testen lassen und früh genug wissen, wenn man HIV-positiv ist. Dann kann man über weite Strecken ein gutes Leben führen, wie es Promis wie Gerry Keszler vormachen.
Zumindest in Westeuropa ist das Bild vom dahinsiechenden Aidskranken passé, das vielen aus den 1980er- und 1990er-Jahren noch in Erinnerung ist. HIV ist zu einer chronischen Krankheit geworden, die ihren Schrecken verloren hat. Im gesellschaftlichen Umgang damit hat sich ebenfalls viel getan. Gegen anfängliche Skepsis zeigte sich etwa, dass die von der Aidshilfe bestückten Spritzenautomaten in Innsbruck von Drogenkranken gut angenommen werden. Dank dieser Initiative gehören die Infektionen durch verunreinigte Nadeln in Tirol nahezu der Vergangenheit an. Der Life Ball hat HIV und Aids aus der Tabuzone ins Hauptabendprogramm geholt. Bis hierher ist alles gut und könnte als Erfolgsgeschichte durchgehen. Könnte.
Denn mit dem medizinischen Fortschritt hat sich auch – zumindest in jenen Teilen der Bevölkerung, die sich nicht ständig mit dem Thema konfrontiert sehen – eine gewisse Sorglosigkeit breitgemacht. Nichts zeigt das eindrücklicher als die Zahlen: In zehn Jahren haben die Neuinfektionen in Westeuropa nicht in dem Maß abgenommen, wie man es sich aufgrund der Aufklärungskampagnen mit der bekannten roten Schleife hätte erwarten können. Es scheint sich, vor allem was safer Sex betrifft, eine „Mir passiert schon nix“-Mentalität einzunisten. Keszlers Ansatz, sich beim Life Ball mehr auf die Aufklärung zu konzentrieren und auf niederschwellige HIV-Tests hinzuweisen, ist notwendig. Gefragt ist ein unaufgeregter, aber bewusster Blick auf die Gefahr, die Aids darstellt. HIV ist zwar nicht mehr tödlich, aber noch immer unheilbar.

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