TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Krieg mit Worten", von Mario Zenhäusern

Ausgabe vom 26. November 2016

Innsbruck (OTS) - Die Lager der beiden Bundespräsidentschaftskandidaten befetzen sich mit ungekannter Intensität und ohne moralischen Genierer. Hoffentlich gelingt es dem Sieger, die tiefen Gräben wieder zuzuschütten.

Endlich! Am nächsten Sonntag endet der wohl längste Wahlkampf in der österreichischen Geschichte. Vor rund einem Jahr begann das Verwirrspiel um vermeintliche Fix-Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl, die in letzter Sekunde einen Rückzieher machten, um Ex-Parteichefs, die plötzlich als parteifreie Kandidaten um Stimmen warben, oder um einen chancenlosen Baumeister, der sich angesichts des blamablen Abschneidens anderer dann doch recht beachtlich schlug. Diese Farce setzte sich bekanntlich fort, Österreich blamierte sich weiter nach Kräften, erwies sich in der Folge als unfähig, eine gesetzeskonforme Stichwahl durchzuführen und – als Sahnehäubchen – die für die Wiederholung dieser Stichwahl erforderlichen manipulationssicheren Wahlkarten zur Verfügung zu stellen.
Dieses neunmonatige Debakel hat nicht nur im Ausland an Renommee gekostet, es hat vor allem für einen tiefen Riss in der österreichischen Gesellschaft gesorgt. Die aktuelle Zuspitzung mag nicht im Sinne der beiden Stichwahl-Kandidaten Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer gewesen sein. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass sich die Lager der beiden unversöhnlicher denn je gegenüberstehen. Auf Leserbriefseiten, in einschlägigen Internetforen, vor allem aber in den so genannten sozialen Medien, die sich je länger je mehr zu Hass- und Hetzplattformen entwickeln, befetzen sich die Anhänger beider Kandidaten mit bisher nicht gekannter Intensität und ohne jeden moralischen Genierer.
Auch politisch haben sich in den vergangenen Wochen Gräben aufgetan. Paradebeispiel für die sich quer durch alle Gesellschaftsschichten ziehende Spaltung ist die ÖVP. Während der Wirtschaftsflügel sich mehr oder weniger deutlich für Van der Bellen ausspricht, halten viele Senioren, Bauern und Teile der Arbeitnehmerschaft zu Hofer. ÖVP-Parteichef, Wirtschaftsminister und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner etwa hält Van der Bellen „mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Österreich für die bessere Wahl“, für seinen Klubobmann im Parlament, Reinhold Lopatka, ist „Hofer der bessere Kandidat“.
Wer auch immer nach der Wahl am 4. Dezember in die Hofburg einziehen wird: Seine vordringlichste Aufgabe wird sein, diese Polarisierung zu beenden, damit das Land wieder zur Normalität zurückkehren kann. Denn das, was die Anhänger beider Kandidaten derzeit an Lügen, Beleidigungen bzw. Anschuldigungen verbreiten, hat mit normaler Wahlkampfhärte nichts mehr zu tun. Das ist Krieg mit Worten.

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