TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "168 Millionen Gründe, genau hinzusehen", von Nina Werlberger

Ausgabe vom 25. November 2016

Innsbruck (OTS) - Kinderarbeit beim Überraschungsei? Skandal, rufen jetzt wieder viele. Beim täglichen Einkauf spielen der Kampf gegen Ausbeutung und für bessere Produktionsbedingungen dann meist keine Rolle. Was hilft? Nachfragen. Und Nein sagen.

Kleine Kinderhände füllen Spielzeug in Überraschungseier: Es sind verstörende Bilder, die bei dem Gedanken an die Kinderarbeitsvorwürfe gegen den Süßigkeitenriesen Ferrero im Kopfkino ablaufen. Kinderarbeit für Kinderschokolade? Das regt auf. Aber rüttelt es auf? Kann ein solcher Skandal dazu beitragen, die Ausbeutung von Minderjährigen weltweit verschärft anzugehen? Es darf eher bezweifelt werden.
Vorneweg: Die Vorwürfe gegen Ferrero sind nicht bestätigt. Die britische Boulevardzeitung The Sun hatte berichtet, dass in Rumänien angeblich Kinder für geringe Löhne den Inhalt der beliebten Schoko-Eier zusammensetzten. Ferrero reagierte „bestürzt und zutiefst besorgt“ und versprach, die Angelegenheit zu untersuchen. Unabhängig vom Ausgang dieser Causa ist und bleibt Kinderarbeit ein beschämendes Thema unserer Zeit, ein Symptom der weltweiten Ungleichheit, das nicht zuletzt in der glitzernden vorweihnachtlichen Einkaufszeit gern und meist auch erfolgreich verdrängt wird.
168 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren sind nach Schätzung von Unicef, der Internationalen Arbeitsorganisation und der Weltbank Kinderarbeiter. Jedes zehnte Kind weltweit ist betroffen, wobei mehr als die Hälfte der Kinderarbeiter unter Arbeitsbedingungen leiden, die gefährlich oder ausbeuterisch sind. Sie schuften in Minen, als Textilarbeiter oder auf Kakaoplantagen, Farmen und in privaten Haushalten. Sie gehen kaum zur Schule und werden häufig Opfer von Gewalt. Der Kampf gegen diese Probleme wurde weltweit zwar mehr oder weniger erfolgreich aufgenommen. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist die Zahl der Kinderarbeiter um ein Drittel gesunken. Zuletzt nahm aber im Nahen Osten die Zahl der Kinderarbeiter unter Flüchtlingen zu. Die Hintergründe sind stets Armut, oft gepaart mit Konflikten und Naturkatastrophen, sagen die Experten vom UN-Kinderhilfswerk. Sie nehmen in erster Linie die jeweiligen Regierungen in die Pflicht. Aber es sind auch Unternehmen, die in Fernost, Afrika oder Lateinamerika produzieren, die gesellschaftliche Verantwortung tragen. In vielen Branchen wurden die Produktionsbedingungen bis dato kaum verbessert. Und die Kunden? Die Bilder von brennenden Textilfabriken und Reportagen über die Lebensrealität junger Lohnsklaven lassen zwar viele Konsumenten schlucken. Aber dann? Schauen sie genau hin? Sagen sie Nein? Fordern sie ethisch einwandfreie Produktionsbedingungen? Der massenhafte Einkauf von Billigst-Textilien, der Verschleiß von Elektronikwaren und die wachsenden Müllberge legen es leider nicht nahe.

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