Liberalisierung der Handwerksordnung steht in Deutschland am Prüfstand

CDU-Strothmann: Ziele nicht erreicht – IG Bau-Schäfers: Decke an Fachkräften wird dünner – Kurzgutachten ifh zeigt: Deutliche Auswirkungen der Liberalisierung auf Ausbildungsleistung

Wien (OTS) - In Deutschland steht die Liberalisierung der Handwerksordnung am Prüfstand: „Wir sehen, dass die Auswirkungen nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht haben, die zu Beginn der Liberalisierung erhofft wurde“, betonte heute, Mittwoch, die CDU-Abgeordnete Lena Strothmann, Vorsitzender der AG Handwerke. Nach dem Vorstoß der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU (MIT), die sich für eine Wiedereinführung der Meisterpflicht für alle Handwerksberufe ausspricht, werde man danach trachten, dieses Thema im kommenden Bundestagswahlkampf zu verankern, so Strothmann.

Mit Verweis auf die Situation der Fliesenleger konstatierte Strothmann, dass es vor der Reform 2003 noch 1.650 neue Fliesenlegergesellen gegeben habe, 2010 seien es nur mehr 650 gewesen. Bei den neuen Meistern bei den Fliesenlegern sei die Zahl von 575 im Jahr 2003 auf 84 im Jahr 2010 gefallen. Sorgen bereite zudem, dass die Zahl der Altbetriebe - die oftmals noch ausbilden -in den – jetzt zulassungsfreien – B1 Handwerken pro Jahr um 4-5 Prozent abnehme und durch neue Betriebe in ihrer Ausbildungsfunktion nicht substituiert werde. Hier gehe die Schere in Hinblick auf die Fachkräfteausbildung sehr deutlich auf und es sei mittelfristig damit zu rechnen, dass keine Fachkräfte mehr ausgebildet werden, so Strothmann.

Als teilweisen „Untergang der Strukturen“ bezeichnete der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft IG Bau, Dietmar Schäfers, die Auswirkungen der Liberalisierung der Handwerksordnung in Deutschland. Ein Jahr vor der Liberalisierung gab es rund 75.000 Neugründungen im Handwerk, nach der Liberalisierung waren es 235.000 Neugründungen. Auch wenn es den Trend zu einer Vielzahl an neuen Betriebsgründungen gegeben hat, existieren rund 70 Prozent dieser Neugründungen heute nicht mehr, so Schäfers. Die Umsatzgrenze dieser Betriebe liege in weiten Bereichen unter 17.500 Euro pro Jahr. Auch wenn billig produziert werde, bleibe die Qualität auf der Strecke. „Das ist nicht das was Politik forcieren soll bei einer Veränderung der Ordnung“, so Schäfers. Dadurch dass viele Ein-Mann-Betriebe nicht mehr ausbilden, werde die Decke an Fachkräften immer dünner.

Die Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Renate Scheichelbauer-Schuster verwies darauf, dass der vorliegende Entwurf zur Reform der Gewerbeordnung durch die neuen Nebenrechte deutliche Veränderungen für die Betriebe zur Folge haben werde. So werden dadurch voraussichtlich rund 100.000 Gewerbescheinen wegfallen. Damit gehe auch eine finanzielle Entlastung von etwa 20 Mio. Euro pro Jahr an Grundumlagen einher.

Anhand eines Kurzgutachtens des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Uni Göttingen zeige sich, dass der deutliche Rückgang von Meisterabschlüssen von 60 Prozent von 2003 auf 2007 deutliche Auswirkungen auf die Ausbildungsberechtigung mit sich bringe, da Gründer ohne Meister nicht ausbilden dürfen.
Besonderes Augenmerk sei auf die Ausbildung in den B1 Handwerken zu legen, da diese hauptsächlich von den noch existierenden Altbetrieben getragen werde. Neubetriebe bilden in den liberalisierten Handwerken kaum mehr aus. Eine Sonderauswertung in Bayern zeigt, dass Ende 2014 rund 85 Prozent der B1-Betriebe nach der Liberalisierung gegründet wurden, diese aber nur rund 40 Prozent der Ausbildungsbetriebe und lediglich rund ein Drittel der Auszubildenden stellen – eine Parallele zu den Aussagen der CDU-Abgeordneten.

Zudem ist, so zeigt das Kurzgutachten, die Qualifikation der Gründer aus den B1-Handwerken deutlich gesunken: Vor der Novellierung verfügten noch 74,2 Prozent über eine Meisterprüfung, seitdem sind es lediglich 17,7 Prozent. (PWK895/us)

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