Stadt Wien enthüllt Gedenktafel für Opfer von Gewalt in Einrichtungen der Wiener Jugendwohlfahrt

Gedenktafel ist Mahnung und Auftrag

Wien (OTS) - "Es ist mir ein persönliches Anliegen im Rahmen der Aufarbeitung, die Opfer des Unrechts, das in Kinderheimen der Stadt Wien bzw. bei Pflegeeltern geschehen ist, noch einmal um Entschuldigung zu bitten. Es ist ein Kapitel in der Geschichte unserer Stadt, das nie hätte geschrieben werden dürfen. Denn es liegt in unserer gesellschaftlichen Verantwortung, dass jene, die am schutzlosesten und damit am verwundbarsten sind in besonderer Weise vor Gewalt und Übergriffen geschützt werden. Die Gedenktafel soll für alle sichtbar eine Mahnung und Auftrag sein immer den Blick auf die Schwächsten in einer Gesellschaft zu richten", betont Bürgermeister Dr. Michael Häupl bei der Enthüllung der Gedenktafel an der ehemaligen Kinderübernahmestelle im 9. Bezirk. Von diesem Standort, der ehemaligen Kinderübernahmestelle, wurden Kinder in Heime und Pflegefamilien gebracht, in denen sie erschütternden alltäglichen Erziehungspraktiken und institutioneller Gewalt ausgesetzt waren.

"Die Opfer haben Unfassbares erlebt, es ist unsere Pflicht als Stadt, unsere Verantwortung wahrzunehmen, geschehenes Unrecht ohne Relativierung anzuerkennen und uns dafür aufrichtig und zutiefst zu entschuldigen. Wir werden und wollen keinen Schlussstrich unter dieses Kapitel setzen. Wir haben aber aus den Erkenntnissen dieser Vorgänge gelernt und Verantwortung übernommen. Das Leid der Betroffenen kann nicht rückgängig gemacht werden, aber wir haben viel unternommen um eine Entstigmatisierung der Betroffenen zu gewährleisten und den Opfern finanzielle und therapeutische Hilfestellung zu geben," erklärt Sozialstadträtin Sonja Wehsely.

„Leid anerkennen, unterstützen und aufarbeiten – das sind die wichtigsten Signale an die Opfer, deren unvorstellbares Leid nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die Enthüllung der Gedenktafel ist ein weiterer Schritt, um Verantwortung zu übernehmen“, so die Sozialsprecherin der Grünen Wien, Birgit Hebein.

"Ein Blick in die heutige Jugendwohlfahrt zeigt, dass sich die Strukturen in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert haben", betont der Leiter der MAG ELF, Mag. Johannes Köhler. "Heuten leben Kinder und Jugendliche in kleinen Wohneinheiten, eine Abschottung in geschlossene Systeme gibt es nicht. Die veränderte Wohnstruktur und der Personalschlüssel sorgen dafür, dass die Kinder und Jugendlichen in einer altersadäquaten Umgebung aufwachsen. Für die Opfer von Gewalt gibt es volle Akteneinsicht sowie Zugang zu allen Archiven. Ein eigens durchgeführter Tag der Begegnung gab den Betroffenen die Möglichkeit, sich über die komplett veränderten Rahmenbedingungen zu informieren. Transparenz, eine hohe Qualitätssicherung und ein dichtes Netz an Kontrollinstanzen sorgen dafür, dass die Kinder und Jugendlichen sicher und gut betreut leben können."

Rückblick - Stadt Wien übernimmt Verantwortung

Die Stadt Wien hat im April 2010 nach Bekanntwerden von Gewalt- und Missbrauchsvorwürfen in Heimen der Stadt unverzüglich mit der Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Wiener Jugendwohlfahrt begonnen.

  • Die Opferschutzeinrichtung Weisser Ring wurde als Anlaufstelle eingerichtet und übernimmt bis heute die Betreuung der Betroffenen sowie die unbürokratische Abwicklung der therapeutischen, rechtlichen und finanziellen Hilfestellungen.
  • Von der zuständigen MAG ELF wurden mehrere historische Studien in Auftrag gegeben, um der Geschichte der ehemaligen Heim- und Pflegekinder eine Stimme zu geben. Im Jahre 2012 legte die Historikerkommission unter der Leitung von Univ. Prof. Sieder einen umfangreichen Bericht über die Erziehungskonzepte, Organisationsstrukturen und alltägliche Erziehungspraktiken in Wiener Erziehungsheimen vor. Im Juni 2013 präsentierte die Kommission Wilhelminenberg unter der Leitung von Dr.in Babara Helige den Abschlussbericht über das Kinderheim Wilhelminenberg. Ebenfalls im Juni 2013 wurde die Ergebnisse der Pflegekinder-Studie des Forschungsinstituts des FH-Campus Wien, Leiterin FH-Prof.in Raab-Steiner, einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Weiters wurden Studien von der MAG ELF in finanzieller oder organisatorischer Hinsicht unterstützt: Zum einem die Wiener Heimstudie der Universität Wien, zum anderen die Studie über das Wiener Kinder- und Erziehungsheim Hohe Warte in der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegsjahre der Johannes Kepler Universität Linz.
  • 2012 wurde die Forderung der Kinder- und Jugendanwaltschaft umgesetzt: Die Ombudsstelle für Kinder, die in sozialpädagogischen Einrichtungen betreut werden, wurde eingerichtet.
  • Insgesamt hat die Stadt Wien in den letzten 6 Jahren Mitteln in Höhe von € 52,53 Mio. beschlossen. Damit hat die Stadt Wien nicht nur finanzielle Hilfestellung leisten können, sondern hat auch die Kosten für Psychotherapie beschlossen. Der Weisse Ring hat bereits über 3.000 Fälle behandelt. In rund 2.300 Fällen wurden finanzielle Unterstützungen und in über 1.700 Fällen die Kostenübernahme einer Psychotherapie beschlossen. Offene Fälle können bis Ende 2018 abgerechnet werden.
  • Nach der Beendigung der "Hilfe für Opfer von Gewalt in Einrichtungen der Wiener Jugendwohlfahrt" wird die Kinder- und Jugendanwaltschaft gemeinsam mit dem PSD rechtliche und psychotherapeutische Hilfestellung leisten. Die Stadt Wien unterstützt damit auch weiterhin die Opfer.

Wien hat sich für nationale Gedenkzeremonie stark gemacht „Der gestrige Tag war für die Opfer ein ganz wichtiger: mit der nationalen Gedenkzeremonie kam die Republik dem Wunsch vieler Opfer nach. Die rot-grüne Stadtregierung hat sich seit vielen Jahren dafür eingesetzt. Dass es nun diese nationale Zeremonie gab, ist ein wesentlicher Schritt für die Anerkennung der grauenvollen Taten in der Vergangenheit“, so Wehsely abschließend.

Pressebilder finden Sie in Kürze unter
https://www.wien.gv.at/gallery2/rk/run.php?g2_itemId=47043

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Mediensprecherin der Stadträtin Mag.a Sonja Wehsely
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Mag. Katja Svejkovsky
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