TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 18. November 2016 von Cornelia Ritzer "Der Staatsakt ist erst der Anfang"

Innsbruck (OTS) - Politik und Kirche würdigten mit der „Geste der Verantwortung“ jene Menschen, die in Heimen Opfer von Missbrauch wurden. Von Betroffenen gab es auch Buhrufe. Für sie ist Mitleid alleine zu wenig, es braucht auch Konsequenzen.

Ein dunkles Kapitel der Zweiten Republik hat im Parlament eine breite Öffentlichkeit erhalten. Nationalratspräsidentin Doris Bures lud die Spitzen des offiziellen Österreichs und der katholischen Kirche in den historischen Sitzungssaal, um Verantwortung für den systematischen Missbrauch in staatlichen und kirchlichen Heimen zu übernehmen. Tausende Kinder sind missbraucht und misshandelt, verachtet und verletzt worden. Den Verbrechen sollte gestern in einem Staatsakt eine „Geste der Verantwortung“ entgegengesetzt werden. Das beeindruckende Ambiente konnte jedoch nicht von den lautstark geäußerten kritischen Tönen ablenken. Denn diese gibt es – auch wenn der Staatsakt eine besondere Würdigung durch das Hohe Haus sein sollte.
Erst vor wenigen Jahren hat die Aufarbeitung der Misshandlungen, des Missbrauchs begonnen. Viele Kommissionen und Gremien haben die Opfer von brutaler körperlicher und seelischer Gewalt angehört, Fälle dokumentiert, finanzielle Entschädigung für die Behandlung der oft lebenslangen Spätfolgen gewährt. Aufarbeitung, die meist durchaus ernsthaft passierte. Doch die Betroffenen berichten auch von Unverständnis der Behörden, von leeren Versprechen und davon, zum finanziellen Bittsteller abgestempelt zu werden. Von Unverständnis oder Vertuschung ist häufig die Rede. Das wird auch von den heute Verantwortlichen eingestanden. Ein Staatsakt kann dafür keine Versöhnung bieten. Auch Mitleid alleine ist zu wenig, es braucht Konsequenzen. Und zwar für die Opfer genauso wie für jene, die auf der Täterseite standen oder stehen.
Doch wie kann mit jenen umgegangen werden, die in Heimen Entsetzliches erleben mussten? Diese Frage muss man sich weiterhin stellen. Hochrangige Vertreter von Politik und Kirche betonen, dass es gilt, weiterhin wachsam zu sein. Derartiges nie wieder geschehen zu lassen. Wie aktuell und notwendig dieses Bekenntnis ist, beweist ein Blick auf die Schlagzeilen. Ob es Jugendliche sind, die ein Mädchen brutal schlagen, es filmen und durch die Verbreitung des Videos demütigen. Oder ob es populistische Politiker sind, die wie der gewählte US-Präsident Donald Trump Mauern bauen wollen und dadurch Sorgen, Neid und Unruhe in der Gesellschaft schüren: All das beweist, dass Hinschauen notwendig ist. Schon allein deshalb darf dieser Staatsakt nicht das Ende, sondern muss der Anfang von etwas sein.

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