BR-Präsident Lindner: Wenn man dieses Unrecht nicht selbst erlebt hat, wird man niemals begreifen können, welche Narben es hinterlassen hat

Rede von Bundesratspräsident Mario Lindner beim Staatsakt "Geste der Verantwortung"

Wien (PK) - Auch Bundesratspräsident Mario Lindner bekräftigte heute beim Staatsakt "Geste der Verantwortung", dass dieser keinesfalls einen Schlussstrich unter das Unfassbare ziehen darf. " Wir werden niemals wieder die Augen verschließen", so sein Appell.

Die Rede von Bundesratspräsident Mario Lindner im Wortlaut:

- es gilt das gesprochene Wort -

Im Jahr 2010 war ich 28 Jahre alt. Als ich damals durch die Medien zum ersten Mal bewusst darauf aufmerksam gemacht wurde, was bis in die 1980er Jahre in Österreich passiert ist, welches Unrecht Kindern und Jugendlichen in der Obhut von Kirche und Staat geschehen ist, war meine Reaktion dieselbe wie die vieler Menschen in unserem Land:
Schock. Entsetzen darüber, dass solche Verbrechen in Österreich über Jahre und Jahrzehnte hinweg geschehen konnten.

Ich habe damals - genauso wie in den Tagen und Wochen vor diesem Staatsakt - versucht, mich in die Lage von all jenen zu versetzen, denen dieses Unrecht widerfahren ist. Die um ihre Kindheit und ihre Jugend, um ihre Sicherheit und um den Schutz gebracht wurden, den sie verdient haben.

Und wie so viele andere bin ich daran gescheitert. Wenn man diese Verbrechen, dieses Unrecht nicht selbst erlebt hat, wird man niemals begreifen können, welche Narben es hinterlassen hat. Welche Auswirkungen es bis heute auf das Leben jeder und jedes Betroffenen hat.

Nur durch die mutigen Menschen, die sich in den letzten Jahren zu Wort gemeldet haben, durch die mutigen Frauen und Männer, die den Mantel des Schweigens gelüftet und ihre Erlebnisse erzählt haben, kennen wir ihre Geschichten, ihren Schmerz. Durch Erzählungen, wie jene, die wir heute hören, durch Interviews, durch Bücher.

Es sind Erlebnisse und Berichte, an denen es nichts zu beschönigen, nichts wegzureden gibt. Es sind Zeugnisse für eines des dunkelsten Kapitel in unserer Nachkriegsgeschichte.

Ein Staat hat eine zentrale Verantwortung - die Rechte und die Würde aller Menschen zu verteidigen, die in seinem Schutz leben. Das gilt umso mehr für die verwundbarsten Mitglieder seiner Gesellschaft. Für Kinder. Für Jugendliche.

Österreich hat bei Ihrem Schutz versagt. Unsere Institutionen haben versagt. Unsere Länder. Wir sind zu Mitwissern und Komplizen geworden. Die Verantwortlichen von heute sind zwar nicht jene, die damals die Augen verschlossen haben, die Unrecht gedeckt und Kinder im Stich gelassen haben. Aber wir übernehmen Verantwortung für das Versagen unseres Staates. Für das Unrecht und die Verbrechen, die Ihnen wiederfahren sind.

Der heutige Tag, dieser Staatsakt, ist ein Zeichen dieser Verantwortung. Was er aber nicht sein kann, nicht sein darf, ist ein Abschluss der Auseinandersetzung mit all dem, was passiert ist. Denn wir schulden all den Menschen, die in den Einrichtungen von Bund und Ländern Unrecht erfahren haben, allen von Ihnen, und allen, die nicht mehr hier sind, wir schulden Ihnen ein Versprechen: Wir werden niemals wieder die Augen verschließen. Und wir können, wir wollen und wir werden keinen Schlussstrich unter dieses furchtbare Kapitel unserer Geschichte setzen! (Schluss) red

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