Bures beim Staatsakt: Manchmal sucht man nach Worten, aber man findet nur Tränen - diese Sprachlosigkeit müssen wir heute überwinden

Lindner bei der "Geste der Verantwortung": Wir übernehmen Verantwortung für das Versagen unseres Staates

Wien (PK) - Nationalratspräsidentin Doris Bures und Bundesratspräsident Mario Lindner haben heute zu einem Staatsakt in den Historischen Sitzungssaal ins Parlament geladen. Reden halten bei dieser "Geste der Verantwortung" - als VertreterInnen des offiziellen Österreichs und der Kirche - neben Bures und Lindner Bundeskanzler Christian Kern, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, Kardinal Christoph Schönborn und der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer in seiner Funktion als derzeitiger Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz.

Das offizielle Österreich will mit dem Staatsakt zum Ausdruck bringen, dass es das unfassbare Leid von ehemaligen Heimkindern, die in der Zweiten Republik schweres Unrecht erlitten haben, mitsamt seiner lebenslangen Konsequenzen anerkennt und Lehren daraus gezogen hat. Die Republik kommt damit einer langjährigen Forderung der Betroffenen nach.

Staatsakt kann und soll kein Schlussstrich sein

Die Nationalratspräsidentin und der Bundesratspräsident betonten beide in ihren Reden, dass der Staatsakt keinesfalls einen Schlussstrich unter das geschehene Unrecht ziehen kann und soll. Es gehe vielmehr darum, dass Staat und Kirche gemeinsam das Unrecht benennen, anerkennen und ihre Schuld eingestehen würden. In den Historischen Sitzungssaal, dem würdigsten Ort, den die Republik anzubieten hat, dem Ort, an dem Bundespräsidenten angelobt werden, sind auch rund 300 Betroffene gekommen - und außerdem Menschen, die sich um die Aufarbeitung des Unrechts verdient gemacht haben.

Bures: Ich weiß, dass nicht entschuldbar ist, was Ihnen in jungen Jahren widerfahren ist

Die Initiatorin der "Geste der Verantwortung", Nationalratspräsidentin Doris Bures, sagte zu Beginn ihrer Rede:
"Manchmal sucht man nach Worten, aber man findet nur Tränen. Diese Sprachlosigkeit müssen wir heute überwinden, um zu benennen, was tausende junge Menschen in unserer Obhut erleiden mussten."

Die ehemaligen Heimkinder hätten - wie alle Kinder - Fürsorge und Liebe, Schutz und Geborgenheit gebraucht. Aber sie hätten Gewalt und Missbrauch, Demütigung, Gleichgültigkeit, Kälte und Einsamkeit erfahren. Hilfe sei ihnen nur selten zuteil geworden, die Kontrolle habe versagt, das kollektive Wegschauen hätte System gehabt, so Bures.

Die Nationalratspräsidentin würdigte in ihrer Rede aber auch "Kommissionen der Länder und der Kirche" sowie "WissenschaftlerInnen und ExpertInnen unterschiedlicher Disziplinen" für ihre ernsthaften Bemühungen um die schwierige Aufarbeitung des Geschehenen. Die Arbeit dieser Menschen "bietet heute die unverzichtbare Basis für weitere Forschungsarbeit: auch über die Täter im Gewaltsystem. Denn im Sinne der Prävention müssen wir auch wissen, warum aus betreuenden Menschen sadistische Unmenschen wurden", so Bures.

In Richtung der Betroffenen hob die Nationalratspräsidentin hervor:
"Ich weiß, dass nicht entschuldbar ist, was Ihnen in jungen Jahren widerfahren ist. Ich weiß, dass Nichts das Geschehene ungeschehen machen kann. Was Ihnen widerfahren ist, ist eine Schande für unser Land. Ich stehe hier - und schäme mich dafür."

Bures beendete ihre Rede mit den Worten: "Es liegt leider nicht in unserer Macht, Missbrauch und Gewalt durch einzelne Täter für immer zu verhindern. Was aber in unserer Macht und in unser aller Verantwortung liegt, ist, zu verhindern, dass Missbrauch und Gewalt -wie einst - still geduldet, systematisch vertuscht und kollektiv geleugnet werden. Das Versagen darf sich nicht wiederholen. Nicht heute, nicht morgen - nie wieder!"

Lindner: Mutige Menschen haben Mantel des Schweigens gelüftet

Bundesratspräsident Mario Lindner sagte in seiner Rede: "Wenn man dieses Unrecht nicht selbst erlebt hat, wird man niemals begreifen können, welche Narben es hinterlassen hat. Nur durch die mutigen Menschen, die sich in den letzten Jahren zu Wort gemeldet haben, durch die mutigen Frauen und Männer, die den Mantel des Schweigens gelüftet und ihre Erlebnisse erzählt haben, kennen wir ihre Geschichten, ihren Schmerz. Durch Erzählungen, wie jene, die wir heute hören, durch Interviews, durch Bücher."

Der Bundesratspräsident hob hervor, dass das Unrecht, das den ehemaligen Heimkindern wiederfahren ist, eines der "dunkelsten Kapitel" unserer Nachkriegsgeschichte sei. "Ein Staat hat eine zentrale Verantwortung - die Rechte und die Würde aller Menschen zu verteidigen, die in seinem Schutz leben. Das gilt umso mehr für die verwundbarsten Mitglieder seiner Gesellschaft. Für Kinder. Für Jugendliche. Österreich hat bei Ihrem Schutz versagt. Unsere Institutionen haben versagt. Unsere Länder. Wir sind zu Mitwissern und Komplizen geworden", so Lindner.

Zur politischen Verantwortung sagte Lindner: "Die Verantwortlichen von heute sind zwar nicht jene, die damals die Augen verschlossen haben, die Unrecht gedeckt und Kinder im Stich gelassen haben. Aber wir übernehmen Verantwortung für das Versagen unseres Staates. Für das Unrecht und die Verbrechen, die Ihnen wiederfahren sind." (Schluss) red

HINWEIS: Der Staatsakt wird live auf ORF III übertragen und auf der Homepage des Parlaments (www.parlament.gv.at) kann man ihn über einen Livestream mitverfolgen. Fotos stehen im Anschluss an die Geste der Verantwortung ebenfalls auf der Homepage des Parlaments zur Verfügung.

HINWEIS: Fotos von diesem Staatsakt finden Sie auf der Website des Parlaments unter www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/ARCHIV.

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