TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 16. November 2016 von Peter Nindler "Verdrängte Völkerwanderung"

Innsbruck (OTS) - Die Flüchtlingskrise hat Europa herausgefordert. Während sich die Europäische Union jedoch darüber streitet, wie sie zu bewältigen ist, verdeckt sie die weitaus größere Herausforderung:
die Migration aus den afrikanischen Ländern.

Die Flüchtlingswelle aus den Kriegsgebieten in Syrien oder im Irak hat die eigentliche Herausforderung für die internationale Staatengemeinschaft in den Hintergrund gedrängt: die Migration. So überfordert die westliche Welt auf die Flüchtlingskrise reagiert, nicht weniger hilflos steht sie den Migrationsströmen gegenüber. Weltweit sind 60 Millionen Menschen wegen Krieg und Gewalt auf der Flucht, doch 250 Millionen haben ihre Heimatländer aufgrund fehlender wirtschaftlicher Perspektiven, von Armut oder schlechten Bildungschancen verlassen.
Dass heuer 10.242 Personen ohne gültige Einreisepapiere auf der Brennerroute aufgegriffen wurden, ist sichtbares Zeichen für die Migrationsbewegungen aus den afrikanischen Ländern. Wie auch das Problem mit der Nordafrikanerszene in Innsbruck seine Ursache in der schleichenden Zuwanderung hat. Sie war allerdings schon vor der Flüchtlings- und Asylkrise Realität. Obwohl die Integration von Kriegsflüchtlingen keine leichte Aufgabe ist, Antworten auf die Migrationsproblematik zu finden, dürfte wohl noch schwieriger zu sein. Weil sie stets verdrängt wird.
Heute kämpft Europa mit den Folgen von rund 200.000 Anlandungen an Italiens Küsten. Aber auch mit einer wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die sich von Flucht und Migration überfordert und von der Politik mit ihren Ängsten und Sorgen allein gelassen fühlt. Das leistet natürlich dem Populismus Vorschub. Er wird zu einem gefährlichen Ventil. Gleichzeitig führen rechtsstaatliche Maßnahmen wie Grenzkontrollen, um eine unkontrollierte Einwanderung zu verhindern, zur Polarisierung in der Gesellschaft. Die hysterischen Aufwallungen wegen des geplanten Grenzmanagements am Brenner wirken noch nach. Und was tut Europa?
Der afrikanische Kontinent wird seit Jahrhunderten ausgebeutet. Verschärft wird die Lebenssituation der Menschen durch die Klimaerwärmung und unzählige Bürgerkriege. Doch das Versagen der wohlhabenden Nationen in der nördlichen Hemisphäre brennt sich in Afrika ein. Wenn sogar Österreich das geforderte Entwicklungshilfebudget von rund 2,4 Milliarden Euro nur zur Hälfte aufbringt, muss man sich nicht wundern, warum die Hilfe vor Ort nur ein Lippenbekenntnis ist.
Mit Grenzkontrollen sind europäische Staaten gezwungen, die teils außer Kontrolle geratenen Auswirkungen der Migration einzudämmen. Dass sie die Ursachen nur zahnlos bekämpfen, macht sie mitschuldig an der neuen Völkerwanderung.

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