Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 12. November 2016; Leitartikel von Christian Jentsch: "Schatten über der schönen neuen Welt"

Innsbruck (OTS) - Der Sieg von Donald Trump bei den Präsidentenwahlen in den USA und der rasante Aufstieg der Populisten in Europa markiert den Aufstand der Wutbürger und Abgehängten. Doch Polterer werden die Probleme nicht lösen.

In der schönen neuen Welt hätte alles so einfach sein können. In einer globalisierten Welt eröffnen sich ungeahnte Chancen, denen sich keine Barrieren mehr in den Weg stellen. Der weltweite Freihandel lässt die Wirtschaft und den Wohlstand der Menschen wachsen, kulturelle, ethnische und ideologische Grenzen lösen sich auf. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sprach der US-Politologe Francis Fukuyama gar vom Ende der Geschichte. Die schöne neue Welt war also angerichtet, der Siegeszug von Liberalismus und Demokratie schien unumkehrbar. Heute, nach dem überraschenden Wahlsieg eines gewissen Donald Trump bei den Präsidentenwahlen in den USA und dem rasanten Aufstieg der Populisten in Europa, hat das Wort Ende wieder Hochkonjunktur – allerdings unter umgekehrten Vorzeichen.
Der Triumph der Polterer und selbsternannten Heilsbringer hat uns die gravierenden Schönheitsfehler dieser schönen neuen Welt vor Augen geführt. Sie blieb für viele Menschen ein Projekt der anderen, eine Versprechung, die keine neuen Chancen versprach, sondern vielmehr Angst einflößte. Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor dem Ende der bekannten Welt, Angst vor dem Verlust von Identität. Viele fühlen sich verunsichert und allein gelassen. Sie können nicht mehr Schritt halten. Da bleiben die glänzenden Geschäfte mit China und Co. außen vor. Ja, die Wirtschaft wuchs in neue Höhen, aber die Einkommen der Arbeiter schrumpften und die Mittelschicht fürchtet ihren Abstieg. Auch wenn es gerade in Österreich der Mehrheit der Menschen noch selten so gut gegangen ist wie heute, dominiert die Angst vor der Zukunft.
Diesen Ängsten konnte und wollte die etablierte Politik nichts entgegensetzen. Und verlor damit die Wähler an Populisten, die geschickt auf den Zug der Angst aufgesprungen sind. Sie posaunen Schlagworte wie „America first“ in die Welt hinaus und reden vom Bau neuer Mauern – genau wissend, dass damit nichts gewonnen ist. Insbesondere für jene, von denen sie sich wählen lassen und an deren Sozialleistungen sie rütteln wollen. Mit Wutreden gegenüber dem verhassten „Establishment“ können die neuen Populisten punkten und verschweigen dabei, dass sie selbst Teil dieses „Establishments“ sind. Sonst hätte ein Donald Trump wohl längst Schiffbruch erlitten. Die etablierte Politik hat das Feld kampflos den Polterern überlassen. Doch die lautstarken Märchenerzähler werden die Probleme der Enttäuschten nicht lösen können. Die etablierte Politik muss mit Glaubwürdigkeit antworten. Einer Glaubwürdigkeit, die alle abholt.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001