Mit Public Health zu mehr Gesundheit für alle: Es braucht Wissen, Strategie, Handeln und mutige Politik

PRESSEKONFERENZ 9. EUROPÄISCHE PUBLIC HEALTH KONFERENZ IN WIEN

Wien (OTS) - Mehr Gesundheit für alle, dazu braucht es nicht unbedingt mehr Geld. Aber es muss das Geld vor allem dafür ausgegeben werden, dass die Menschen an Gesundheit gewinnen. Besonders teuer wird ein Gesundheitssystem immer dann, wenn viele chronische Krankheiten entstehen, wenn intensive und jahrelange Therapien für sogenannte Zivilisations- und Lebensstilerkrankungen erforderlich sind, so Prof. Dr. Thomas Dorner heute bei einer Pressekonferenz in Wien anläßlich der 9. Europäischen Public Health Tagung. Was Menschen wirklich gesund hält, darüber gibt es im Public Health Bereich inzwischen umfassendes, fundiertes Wissen. Jetzt braucht es Strategien, aktives Tun und bei Entscheidungsträgern den Mut und Willen, die inzwischen zahlreich vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse umzusetzen, so Dorner.

Die Ausgaben für Gesundheit liegen in Österreich mit 10,1% des Bruttoinlandsproduktes höher als im Schnitt der OECD Länder (8,9% des BIP). Der OECD 34-Schnitt für öffentliche Gesundheitsausgaben liegt bei € 3.150,-- pro Jahr/Kopf. In Österreich werden um € 1.000,-- mehr ausgegeben, zusätzlich legt jeder privat noch einmal einige hundert Euro pro Jahr dazu – Tendenz stark steigend. In Italien werden jährlich € 2.800,-- pro Kopf für die Gesundheit ausgegeben, dies entspricht 8,9 % des BIP. (Die Vergleiche in Euro sind problematisch, da in den diversen Ländern eine verschiedene Kaufkraft vorhanden ist. Daher wird bevorzugt ein Vergleich der Gesundheitsausgaben zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt vorgenommen). In Italien werden die Menschen im Schnitt 83,2 Jahre und damit um 1,5 Jahre älter als die ÖsterreicherInnen.

Was Menschen gesund hält – die Vienna Declaration

Was hält Menschen wirklich gesund und wie können wir das möglichst für alle umsetzen – das ist somit eine der zentralen Herausforderung der Public Health, betonte Christiane Stock, Präsidentin der Sektion Health Promotion in der Europäischen Public Health Gesellschaft (EUPHA). Sie präsentierte die Vienna Declaration, einen von Public Health Fachleuten erarbeiteten Leitfanden für mehr Gesundheit für alle. Elementar sind beispielsweise Frieden und ein Leben ohne Gewalt, sowohl im öffentlichen Leben als auch in den Familien. Äußerst entscheidend sind auch leistbare und gesunde Nahrung, Bildung für alle – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion sowie ein gesundes Ökosystem inklusive reinem Wasser möglichst frei von Verschmutzungen. Auch ein politisches System welches einen hohen Grad an Schutz für alle bietet, Arbeitsbedingungen welche die Gesundheit der Bevölkerung schützten und eine fürsorgliche Kindheit mit liebevoller Unterstützung gelten als Grundsteine für eine gesunde Bevölkerung.

Die Schwachstellen in Österreich – Rauchen, Alkohol und geringe Gesundheitskompetenz

Dorner: Im Grunde erfüllen wir in Österreich viele dieser Vorgaben. Doch es gibt auch deutliche Schwachstellen, alle seit langem bekannt:
Österreich gehört zu den europäischen Spitzen beim Rauchen und Alkoholkonsum und die Gesundheitskompetenz der ÖsterreicherInnen ist im Vergleich zu anderen Ländern bedenklich gering. 18 % haben eine unzureichende Fähigkeit, Gesundheit und Gesundheitszusammenhänge zu verstehen, bei weiteren 38 % der Bevölkerung wurde eine problematische Kompetenz festgestellt, so eine Studie aus 2013 vom damaligen Ludwig Boltzmann Institut für Health Promotion Research. Zum Vergleich: In den Niederlanden haben nur 1,8 Prozent eine unzureichende und 26,9 % eine problematische Gesundheitskompetenz. Auch die Ausgaben für Gesundheitsförderung liegen in Österreich deutlich unter dem OECD-Mittelwert von 3,4 Prozent. Laut OECD/Statistik Austria werden in Österreich 1,9 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben für Gesundheitsförderung ausgegeben, was knappen € 90,-- pro Kopf und Jahr entspricht. Die Ausgabenfreude der österreichischen öffentlichen Hand ist generell und auch im sogenannten Präventivbereich recht einseitig. Es gibt hohe Ausgaben beim Erkennen von Krankheiten und deren Therapie (Vorsorgeuntersuchungen, Brustkrebsscreenings, Kuren und Rehabilitationen). Für das Gesund bleiben und für „Health in all policies“ ist der Finanzmitteleinsatz sehr sparsam oder schlicht und einfach nicht wirklich bekannt.

Reorientierung des Gesundheitssystems in Richtung Gesundheitsförderung und Prävention

„In Österreich werden seit fünf Jahren die sogenannten zehn österreichischen Gesundheitsziele umgesetzt. In diesen Zielen ist auch die Bedeutung der nicht-medizinischen Maßnahmen festgeschrieben. Es braucht gesundheitsförderliche Lebenswelten und die Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen, wie zum Beispiel im Rahmen gesunder Städte und Gemeinden oder in den Netzwerken zur Gesundheitsförderung. Wichtig ist die Förderung der Gesundheitskompetenz und auch eine forcierte Reorientierung des Gesundheitssystems in Richtung Gesundheitsförderung und Prävention,“ so Sektionschefin Dr. Pamela Rendi-Wagner vom Bundesministerium für Gesundheit. Nicht nur die Lebenserwartung der ÖsterreicherInnen, sondern vor allem deren Anteil der in Gesundheit verbrachten Lebensjahre sei zu steigern, unterstrich Rendi-Wagner.

Mag. Ulrike Rabmer-Koller, Vorsitzende des Verbandsvorstands im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger: „In Österreich fließen insgesamt 36 Mrd. Euro in die Gesundheitsversorgung, das meiste Geld davon in den kurativen Bereich, also das Heilen von Krankheiten. Nur etwas mehr als 700 Mio Euro werden für den Bereich Prävention aufgewendet“ Geld allein ist aber zu wenig, um neben einer steigenden Lebenserwartung gleichzeitig die Anzahl an mehr gesunden Lebensjahren und damit mehr Lebensqualität zu ermöglichen. Und die Vorsitzende des Hauptverbandes sieht einige Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen: „Wir müssen permanent am Bewusstsein für den Wert der Gesundheit arbeiten und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung erhöhen. Diese Gesundheitskompetenz muss schon im frühesten Kindesalter vermittelt werden - eine große Verantwortung für Familie, Kindergarten und Schule. Um bessere Voraussetzungen für ein gesundes Leben zu schaffen braucht es auch die Stärkung der Eigenverantwortung, die aus dem reinen Wissen auch alltägliches Handeln macht. Nur wenn es ein Bewusstsein für den Wert der eigenen Gesundheit gibt, schaffen wir den Schritt zu einem Lebensstil, der vermeidbare Krankheiten reduziert – von Diabetes Typ 2 über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu verschiedenen Krebsarten.“

Public Health – mit Wissen und Strategie zu mehr Gesundheit

Dorner: „Unser Arbeitsansatz ist, wissenschaftliche, praxisbezogene und politische Anstrengungen zu verbinden, um die Gesundheit von Populationen zu fördern und die Gesundheitssysteme bedarfsgerechter und ökonomischer zu gestalten. Forschung, Lehre, Praxis und Policy bilden die vier Säulen von Public Health. In den vergangenen Jahren hat sich in Österreich im Bereich Public Health viel getan. Mittlerweile haben wir in der Ausbildung bereits ein vielfältiges Angebot. Es bedarf noch einer Intensivierung, um den steigenden Bedarf in den nächsten Jahren abzudecken. Derzeit heißt es vor allem das qualitative Niveau der Angebote hoch zu halten, zu fördern und zu erhöhen“, so Thomas Dorner.

Gesundheitswissen durch Vernetzen und Forschen aufbauen

Ein wichtiger Schritt zu mehr Wissen über Public Health erfolgte über internationale Vernetzung. Im Jahr 2000 wird die ÖGPH Mitglied der European Public Health Association (EUPHA), seit 2014 ist Österreich auch in der World Federation of Public Health Association (WFPHA). Voneinander zu lernen ist ein Weg um mehr Informationen und Erkenntnisse zu gewinnen. Aktuell gibt es eine ganze Reihe von wichtigen und vielversprechenden Forschungsprojekten, die unter der Mitwirkung und Leitung von österreichischen Universitäten und Einrichtungen stehen.

Für Gesundheit sind alle verantwortlich: Health in all policy umsetzen

Wir sehen unsere Aufgabe derzeit darin, dieses Wissen in alle Politikfelder weiterzutragen. Wir müssen sie alle mit einbinden, die EntscheidungsträgerInnen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, so Dorner. Und weiter: „Welche Auswirkungen haben meine Pläne und Entscheidungen für die Gesundheit der Menschen – sich diese Frage zu stellen sollte immer und überall dazugehören.“

9. Europäische Public Health-Konferenz 2016 in Wien (EPH).

“All for Health, Health for All”. 9.-12. November 2016, Austria Center Vienna. Alle Infos: https://ephconference.eu/. Gleichzeitig findet auch die 19. Wissenschaftliche Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (ÖGPH) unter dem Titel „Integrierte Gesundheit – Integrierte Versorgung“ statt (9./10.11.). www.oeph.at.

Österreich: Die vier wichtigen Schritte zu mehr Gesundheit für alle

Public Health Policy: Viele Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft müssen noch mehr begreifen, dass sie in ihrer Tätigkeit eine Verantwortung für die Gesundheit von Menschen haben, auch wenn sie nicht im „Gesundheits“system tätig sind. Mit den Rahmengesundheitszielen in Österreich haben wir hierfür einen wichtigen Grundstock gelegt. Nun geht’s darum zu sorgen dass dieses Commitment zu Health in All Policies nicht in Vergessenheit gerät und das ist auch die Aufgabe der Public Health Community.

Public Health Anwendung: Auch im Gesundheitssystem in Österreich könnten noch mehr Entscheidungen aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse basieren. Dazu benötigt es allerdings noch mehr Forschung in diesem Bereich mit entsprechender Finanzierung. Auch wenn es den Anschein hat das wir uns auf ein postfaktisches Zeitalter zubewegen: Für vernünftige Entscheidungen braucht es eine Datengrundlage. Daten aus dem Versorgungs- und Sozialsystem müssen auch für Forschung zugängig gemacht werden, unabhängig, ohne dass das Forschungsergebnis a priori vorgegeben wird.

Public Health Forschung: In Österreich ist die Finanzierung der Public Health Forschung im Gegensatz zu anderen Ländern nicht explizit geregelt. Public Health Forschung muss um dieselben Mittel konkurrieren, wie beispielsweise klinische oder medizinische Grundlagenforschung und die letzteren werden häufig als Schwerpunkte in der Forschungsförderung deklariert. Warum errichten wir nicht einen österreichischen Forschungstopf für Public Health Forschung, aus dem die besten eingereichten Public Health Forschungsprojekte finanziert werden?

Public Health Lehre: Im Bereich der Public Health Ausbildung hat sich in Österreich in den letzten Jahren viel bewegt. Es gibt postgraduelle Universitätslehrgänge, Public Health Doktoratsstudien und eine stets steigende Zahl an Kursen und Fachhochschullehrgängen die Teilbereiche von Public Health Abdecken. Zusätzlich finden Public Health Inhalte verstärkt Eingang in die Ausbildung von Health Professionals. Wie beispielsweise in die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten. Die Sicherung und Verbesserung der Qualität der Bildung im Bereich Public Health Ausbildung muss jedoch hochgehalten bzw. verbessert und nachhaltig gewährleistet werden.

ÖGPH – Österreichische Gesellschaft für Public Health Die ÖGPH ist eine unabhängige wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich mit Public Health Themen in Österreich auseinandersetzt. Die ÖGPH steht für wissenschaftlich fundierte Forschung in den Gesundheitswissenschaften.
HP: http://www.oeph.at/

Rückfragen & Kontakt:

Maria Weidinger-Moser, Kommunikation Public Health Konferenz weidinger@weikom.at; Mobil: 0043 664 16 15 987

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