Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 10. November 2016; Leitartikel von Mario Zenhäusern: "Die Welt im Umbruch"

Innsbruck (OTS) - Donald Trump hat die politische Führungsschicht der USA aus den Angeln gehoben. Er setzt damit eine Bewegung fort, die in Europa schon weite Kreise zieht: Die etablierte Politik hat ihren Vertrauensvorschuss eingebüßt.

Fassungslosigkeit. Unglaube. Unverhohlene Freude. Die Palette der ersten Reaktionen auf Donald Trumps Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen ist breit. Der umstrittene Republikaner hat seiner Kontrahentin Hillary Clinton von den Demokraten eine vernichtende Niederlage zugefügt. Er strafte damit all jene Lügen, die den Multimillionär ob seines Machogehabes, seiner ausländer- und frauenfeindlichen Aussagen sowie ob seiner politischen Unbedarftheit für chancenlos erklärt hatten.
Trumps Wahl ist eine klatschende Ohrfeige für das politische Establishment in den USA. Die über alle Parteigrenzen hinweg existierende Kaste der Mächtigen hat in den vergangenen Jahrzehnten dafür gesorgt, dass die Mittelschicht mehr und mehr aus der amerikanischen Gesellschaft verschwindet, dass es bald nur noch Reiche und Arme gibt. Sie hat gleichzeitig alles torpediert, was dieser fatalen Entwicklung entgegensteuerte. Bisher haben diese Eliten den Kurs vorgegeben, jetzt sehen sie sich an den Rand gedrängt. Die Bürgerinnen und Bürger lassen sich nicht mehr sagen, was sie zu tun und wie sie zu denken haben. Sie trauen den Regierungen und Meinungsbildnern nicht mehr.
Das ist ein gefährliches, aber kein neues und schon gar kein amerikanisches Phänomen. In Europa entwickeln sich entlang der gesellschaftlichen Bruchlinien, die durch Flüchtlingswellen, islamistischen Terror und Finanz- bzw. Wirtschaftskrise entstanden sind, neue Bewegungen oder schöpfen bestehende Gruppierungen neuen Schwung. Aufgestachelt durch verantwortungslose Kommentare und hetzerische Meldungen in sozialen und Boulevard-Medien, entstehen Parallelwelten, in denen Werte wie Humanität, Solidarität und Menschlichkeit durch nationalistisches und populistisches Gedankengut ersetzt werden. Die Erfolge der Alternative für Deutschland (AfD) bei den jüngsten Landtagswahlen, des Front National in Frankreich, der SVP in der Schweiz und der „Partij voor de Vrijheid“ von Geert Wilders in Holland sowie der sich abzeichnende Höhenflug der Freiheitlichen in Österreich – um nur einige zu nennen – belegen, wie sehr die Welt sich im Umbruch befindet.
Donald Trump hat sich im Wahlkampf zur Speerspitze im Kampf gegen die etablierte Politik ernannt. Jetzt muss er beweisen, dass er mehr draufhat als Beleidigungen und Drohungen. Er wolle ein „Präsident für alle Amerikaner“ sein, versprach er gestern. Ein Vorhaben, an dem viele seiner Vorgänger gescheitert sind.

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