OÖNachrichten-Leitartikel: "Was hat Trump vor?", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 10. November 2016

Linz (OTS) - Die Welt steht vor einem Rätsel, alle, denen die Demokratie am Herzen liegt, ringen nach Erklärungen. Wie konnte es geschehen, dass Volkes Stimme einen Mann ins höchste Amt der Welt wählt, von dem wir wissen, dass er diese Demokratie verachtet? Wie konnte die Suche nach dem Geeignetsten für diesen Posten jemanden hervorbringen, der wie das Abbild der Karikatur eines vulgären Amerikaners erscheint?
Es ist bizarr. Donald Trump wird im Jänner als 45. Präsident der USA angelobt werden. Ein selbstverliebter Immobilienmagnat, hetzend, lügend, aggressiv und impulsiv, wird ab dann der führenden Militärmacht vorstehen. Er wird den Zugang zum Atomcode haben, kann Kriege beginnen, er kann seine Vorstellungen über einen ökonomischen Isolationismus weiter verfolgen, er kann Höchstrichter bestellen, Verträge auflösen, Mauern errichten.
Am schlimmsten ist dabei die Vorstellung, dass wir heute, am Tage nach dieser Wahl, nicht wirklich einschätzen können, wie sich Trump als Präsident verhalten wird. Sein Benehmen im Wahlkampf lässt nicht erwarten, dass er sich jetzt die Maske vom Gesicht reißen und einen anderen Charakter zeigen wird.
Es ist eben ein großer Trugschluss gewesen, dass Trump wie Halloween schon vorbeiziehen werde. Alle Beobachter haben sich in der großen Masse der Wähler getäuscht, die sich eben nicht nüchtern abwägend über die Lagekarte beugt und die Kandidaten an deren Problemlösungsfähigkeiten bemisst. Ein Irrtum, dem diesmal nicht nur die USA, das gesamte Establishment, die Politologen, die Medien unterlegen sind: Diese Masse ist eben doch bereit, Leute in Ämter zu heben, die reden wie sie, die ihren Zorn teilen, die gleich deftig, beleidigend, verletzend sind. Heute Trump, morgen vielleicht Le Pen ... die Liste mit den Länder-Einträgen Türkei, Polen, Ungarn wird noch länger werden.
Der Populismus landet mit Trump im höchsten Amt der Welt. Damit stimmt, was ein Politologe behauptet hat: Nie zuvor ist es leichter gewesen, die Macht zu erringen. Nie zuvor ist es zugleich schwieriger gewesen, richtig zu regieren.
So gesehen ist diese Wahl nicht ur-amerikanisch gewesen. Die ihr zugrunde liegenden Mechanismen führen um die Welt. Müssen wir alles, was wir über Realpolitik und ihre komplexen Abläufe verinnerlicht haben, daher vergessen und uns künftig mehr den Regeln und Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Verführbarkeit widmen? Welche Rolle spielen dabei die Untiefen der sozialen Medien? Wie sehr sind wir bereit, Sitten und Anstand dabei preiszugeben? Was sollen wir unseren Kindern über Verhalten erzählen, wenn sich der US-Präsident als Rüpel erweist?
Trump ist die weltweite Speerspitze der Empörten. Der Zorn der Mittelschicht ist viel größer als angenommen. Der weiße Mann setzt sich gegen die Einsicht zur Wehr, dass ihm diese Welt nicht mehr allein gehört.
Doch diesem Zorn seine Grundlage zu nehmen, wird eine Aufgabe sein, die weit über die Prüfung hinausgeht, einen Wahlkampf zu gewinnen oder einen Immobilienkonzern zu formen. Trump, bei all seiner Selbstverliebtheit, wird das begreifen müssen. Dieser Widerspruch wird ihn rasch einholen, mit Empörung allein ist es an der Spitze nicht getan.
Positives zum Schluss eines bemerkenswerten Tages, den wir uns rot anstreichen werden: Wir können uns daran halten, dass nichts so schlimm wird, wie es im ersten Moment erscheinen mag. Trump ist eingebettet in ein System der Kontrolle und des Machtgleichgewichts. Doch es ist dramatisch genug, dass wir uns zur Beruhigung an diese „Checks and Balances“ klammern müssen.

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