TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Es geht um mehr als Sport", von Florian Madl

Ausgabe vom 4. November 2016

Innsbruck (OTS) - Österreichs Olympisches Komitee verzichtet auf eine Teilnahme an den Europäischen Jugendwinterspielen 2017 in der Türkei. Eine Maßnahme, die allein mit der Sicherheit argumentiert wird und doch mehr sein könnte als das allein.

Als Erzurum im Vorjahr die Europäischen Jugendwinterspiele 2017 zugesprochen bekam, nahm sich die politische Situation noch vergleichsweise ruhig aus. Das änderte sich in beunruhigender Weise, hinterließ im Dachverband der europäischen Olympischen Komitees jedoch keine nachhaltigen Spuren. Die Veranstaltung soll wie geplant im Februar 2017 stattfinden, auch Reisewarnungen scheinen keinen Widerhall zu finden. Unverhohlen buhlt die Organisation um Athletenbotschafter und verweist auf den hehren Grundgedanken dieser Spiele für sportlich versierte Teenager. Österreichs Olympisches Komitee verzichtet auf die Teilnahme, weil die Sicherheit der Teilnehmer nicht gewährleistet werden kann, einige wenige Nationen tun es ihnen gleich. Zu wenige: Denn während Kleinkriminalität wie zuletzt bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro nicht zu den wahren Bedrohungsszenarien dieser Gesellschaft zählt, gilt das für bürgerkriegsähnliche Zustände wie in der Türkei sehr wohl.
Nicht teilzunehmen, wird als Signal im Sinne der Sicherheit definiert, doch man könnte (und wird) es den Österreichern wohl auch als Statement auslegen. Hoffentlich, muss es heißen, wenngleich Sportverbände mit dieser Form der politischen Stellungnahme wenig zu tun haben sollten. Aber letztlich sind es Athleten, die als Botschafter fungieren und mit ihrem Antreten gewollt oder ungewollt Veranstaltungsorte legitimieren. Solche wie Sotschi (Winterspiele 2014/RUS) oder Baku (Sommer-Jugendspiele 2015), deren Interesse am Sport von der gigantomanischen Außendarstellung und der Propaganda im eigenen Land getragen ist. Regime, die nicht davor zurückschrecken, im Sinne eines PR-Events Enteignungen durchzuführen und Steuermaßnahmen auf Kosten der Bevölkerung zu dulden.
Der Verzicht auf die Jugendwinterspiele in der Türkei mag sicherheitstechnisch motiviert sein, er könnte aber viel mehr als diese Sorge zum Ausdruck bringen. Auch die Politik wäre dazu angehalten, ein Zeichen zu setzen. Die tat das zuletzt im Rahmen von Olympia-Boykotten (Moskau 1980, Los Angeles 1984), aber ausschließlich im Sinne der eigenen Rechtfertigung. Dass Eiskanal-Sportler dieser Tage einen Boykott der WM in Russland in Erwägung ziehen, spricht für sich. Die Athleten stoßen sich am staatlich organisierten Dopingsystem und tun ihren Unmut kund – ein mutiges Vorgehen, das bei der Vergabe von Großveranstaltungen künftig Schule machen darf.

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