TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Generationen-Etikett verkennt die Jungen", von Theresa Mair

Ausgabe vom 2. November 2016

Innsbruck (OTS) - Wahlweise als selbstsüchtig und rücksichtslos oder als orientierungslos und unbeständig deklariert, kann es Generation Y niemandem Recht machen. Dabei ist sie ein Klischee, das nicht viel mit der Realität zu tun hat.

Die Ypsiloner leben für die Arbeit und arbeiten für ihr Leben. Und das wahlweise im Home-Office oder für den geschmeidigen Austausch gleich in hippen Gemeinschaftsbüros, neudeutsch Co-Working-Spaces – am Tag, in der Nacht oder gleich rund um die Uhr. Work-Life-Balance? So etwas von Generation X.
Generation Y, also die ab Anfang der 1980er Geborenen, sind flexibel, gebildet und gut ausgebildet. Als Einzelkinder haben sie das in ihrem wohlbehüteten Elternhaus verfügbare Selbstbewusstsein mit dem Löffel gefüttert bekommen. Sie stellen ein Start-up nach dem anderen auf die Beine. Oft wird nichts draus, wie man in einschlägigen TV-Shows eindrücklich miterleben kann. Glücklicherweise kann Generation Y mit Kritik umgehen und sieht das Scheitern als Chance. Wenn der Job nicht zur Berufung passt, wird eben gewechselt. Selbstverwirklichung ist das Leitmotiv der Generation Y. Mit dem Leitspruch „Lasst euch nichts gefallen!“ aufgewachsen, arbeiten die Ypsiloner, weil und solange es ihnen Spaß macht, und nicht um irgendwelchen Nachkommen etwas (Besseres) bieten zu können. Spätestens seit der Wirtschaftskrise wissen sie eh, dass sie es nie zu dem Wohlstand der Vorgänger bringen werden, sondern sich auch noch um deren Rente kümmern müssen.
Die Generation Y ist ein riesengroßer Etikettenschwindel, der all jene so deklariert, die so geworden sind, wie es sich die Vorgängergeneration (X) für sich selber schon gewünscht hätte. Doch wenn man sich umsieht, dann trifft man eigenartigerweise kaum auf solche Aliens, die so gerne für den wachsenden Egoismus und das fehlende Empathievermögen auf der Welt verantwortlich gemacht werden.

Es sind eben nicht alle in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Es gibt noch genügend Junge, die sich in Vereinen und Sozialprojekten engagieren. Das ist auch gut so. Es strebt auch nicht jeder ein Vagabundenleben an und – man glaubt es kaum – für manche ist auch noch im 21. Jahrhundert Familie, Hund und Häuschen ein erstrebenswertes Ziel, wofür sie es in Kauf nehmen, sich einem Chef unterzuordnen. Jene Institutionen, die an alten, starren Hierarchien festhalten, dürfen aber sehr wohl zu zittern beginnen. Denn wenn man beim entindividualisierenden Generationenbegriff bleiben will, dann führt Generation Y in dieser Hinsicht nur das weiter, wofür die Alten schon gekämpft haben. Wenn sie es nicht schafft, dann steht Generation Z gewiss bereits in den Startlöchern.

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