TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 31. Oktober 2016 von Peter Nindler "Strukturell katholisch"

Innsbruck (OTS) - In der Ökumene wurde die Kirchenspaltung überwunden: Während die evangelische Kirche den Zölibat nicht kennt und mit Priesterinnen gut leben kann, verliert sich die römisch-katholische Kirche weiterhin in versteinerten Strukturen.

Tirol, ein katholisches Land? Ja, das ist es immer noch, wenn die Anzahl von 520.000 Taufschein-Katholiken als Maßstab gilt. Tirol, das „heilige Land“? Das ist nach wie vor ein gern verwendetes Klischee, weil sich die im 18. und 19. Jahrhundert herausgebildete Volksfrömmigkeit noch immer gut in das alpine Bild von Bergen, Schützen und (Herz-Jesu-)Prozessionen hineinpressen lässt. Doch die heilige Welt ist brüchig geworden, im Alltag gerät die Kirche immer mehr ins Hintertreffen. Und selbst kämpft sie mit Strukturen, die sich nicht mehr aufrechterhalten lassen. Priestermangel, Nachwuchssorgen in den Orden und eine Seelsorge, die ohne Laien nicht mehr funktionieren würde, sind sichtbare Zeichen eines schleichenden Erosionsprozesses.
Dieser betrifft sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche. Vielfach gehen die Menschen aber nicht auf Distanz zur Religion, sondern zu den christlichen Institutionen. Gelernt haben beide christlichen Konfessionen jedoch, dass der Schlüssel in der Ökumene liegt, in der Zusammenarbeit über tiefgreifende theologische Differenzen hinaus. So gesehen wurde die Kirchenspaltung vor 500 Jahren schon längst überwunden.
Dass die evangelische Kirche mit verheirateten Priestern und Frauen als Pfarrerinnen fortschrittlicher ist als der nach wie vor auf den Zölibat beharrende römisch-katholische Klerus, kann durchaus bejaht werden. Selbst die katholische Pfarrerinitiative hat daran angeknüpft. Ob damit jedoch die strukturellen Probleme in der Seelsorge und im System „Kirche“ gelöst werden, bleibt allerdings dahingestellt. Andererseits schafft es die verkrustete kirchliche Ordnung nicht einmal, innerhalb von wenigen Monaten den unbesetzten Bischofsstuhl in der Diözese Innsbruck zu besetzen. Damit entfernt sich die Amtskirche immer mehr von ihrer Basis, die ohnmächtig zurückbleibt.
Unabhängig von der Zukunft des Priesteramts: Ohne Laien und den in Pfarrgemeinden und Seelsorgeräumen engagierten Frauen müsste die Kirche ihr Angebot bereits deutlich einschränken. Aber gerade in einer Zeit des Werteverfalls braucht es diese Anker in der Gesellschaft. Und die Dialogfähigkeit, damit nicht ausgegrenzt, sondern integriert wird. Grundsätze, die es beispielsweise auch in der Flüchtlingskrise benötigt. Je intensiver Christentum und Islam das Gespräch suchen, umso mehr können sich beide Weltreligionen als inhaltliches Bollwerk gegen radikale  Strömungen beweisen.

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