TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 27.10.2016, Leitartikel von Anita Heubacher: "Events sind keine Strategie"

Innsbruck (OTS) - Tirol ist eine Nummer für sich. Die Marke glänzt, hat Bekanntheit – und wenn es um Tourismuswerbung geht, ist Tirol noch immer Vorzeigeland. Die Wirtschaftskrise hat den Tourismus als „Fels in der Brandung“ umschifft, die Investitionen der Bergbahnen können sich sehen lassen, und wenn man „Rekordergebnis“ und „Tirol Werbung“ googelt, stellt man fest, dass fast jedes Jahr die Zahlen vom Vorjahr überboten werden.
Über diese Erfolgsgeschichte können sich aber immer weniger freuen. Die Kluft zwischen Touristikern und Resttirolern ist in den letzten Jahren wieder größer geworden, die Tourismusgesinnung in der Inntalfurche so gut wie verebbt. Das liegt auch daran, weil kritisches Denken unter den Jubelmeldungen zu wenig gewünscht ist. Vielerorts tut man gerade so wie vor 20 Jahren, ebenso alt sind die Vermarktungsschienen. Ja, wir können Olympische Spiele und fast jede andere Welt- oder Europameisterschaft ausrichten, wenn wir genug Steuergeld dafür ausgeben wollen, aber können wir auch dafür Sorge tragen, dass die Aufenthaltsdauer der Gäste dadurch wieder steigt? Können wir dafür sorgen, dass wir nicht mehr nehmen müssen, was kommt, um unsere viel zu vielen Gästebetten zu füllen? Weil diese Fragen durch die Abhaltung von Sportevents nicht beantwortet werden, werden sie als lästig zur Seite geschoben.
Tirol hat einen guten Job gemacht, der Aufwand wird aber immer größer. Es braucht immer mehr Gäste, um die Kapazitäten der Skilifte auszulasten und um die Zahl der Übernachtungen zu halten. Die Aufenthaltsdauer ist auf 3,7 Tage gesunken. Wie sich das auswirkt, lässt sich bei Unternehmern in der Kasse, beim Personal am Energiehaushalt, bei Naturschützern an den Beschwerden ablesen und im Verkehrsfunk wöchentlich hören. Megastau! Auch ein Rekord, den niemand braucht.
Während Tirol bei den Seilbahnen international im Spitzenfeld liegt, ist das Investment in Humankapital zu kurz gekommen. Das Personal kann in die Jubelmeldungen schon lange nicht mehr einstimmen. Vielen Betrieben läuft es davon, andere tun sich schwer, überhaupt welches zu bekommen.
In Südtirol wird kontroversiell darüber diskutiert, wie viel Tourismus eine Alpenregion und ihre Bewohner aushalten können. Das ist schon einmal ein guter Anfang, wenn man nachhaltig an der Spitze bleiben und einen „Lebensraum“ vermarkten will.

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