Stellungnahme der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien zu den Ergebnissen der Studie „Jugendliche in der offenen Jugendarbeit“

Wien (OTS) - Seit Sonntag sind die Ergebnisse der Studie zu Jugendlichen in der offenen Wiener Jugendarbeit veröffentlicht und kursieren in allen Medien. Laut Studie sind mehr als ein Viertel der befragten muslimischen Jugendlichen von Radikalisierung gefährdet und 44 % aller befragten Jugendlichen haben mittlere bis starke abwertende Einstellungen gegenüber anderen Gruppen.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft nimmt diese Zahlen sehr ernst. Zwar möchten wir – ganz im Sinne der Studie – betonen, dass es sich bei den 27% nicht um „radikalisierte“ Jugendliche handelt, sondern um Jugendliche, die Einstellungen vertreten, die sie für radikale Gruppen empfänglicher machen, dennoch zeigen auch diese Zahlen sowie jene zu allgemeinen Abwertungen einen enormen Handlungsbedarf auf.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft möchte zudem darauf hinweisen, dass die Studie nur einen Teil der Jugendlichen repräsentiert. Angesichts der starken Polarisierung unserer Gesellschaft und der Zuwachs an rechtsextremistischen Aktivitäten, wäre eine Vergleichsstudie, die sich mit den Einstellungen junger Menschen in ganz Wien bzw. ganz Österreich beschäftigt, wünschenswert.

Seit 2014 aktiv gegen Radikalisierung
Das Wiener Netzwerk Deradikalisierung und Prävention, welches von der Kinder- und Jugendanwaltschaft koordiniert wird, wurde bereits 2014 ins Leben gerufen um Jugendliche, vor den steigenden Radikalisierungstendenzen sowie vor Generalverdacht und Stigmatisierung zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die ersten Jugendlichen nach Syrien oder in den Irak ausgereist, um sich dem sogenannten Jihad anzuschließen.

Auch der erstarkte Antisemitismus, west- und demokratiefeindliche sowie muslimfeindliche Tendenzen und ein zunehmend aggressiv auftretender, international vernetzter Islamismus waren gewichtige Gründe, dass eine intensive Befassung mit diesen Themen nötig macht.

Die Studie bestätigt diese Einschätzungen und die Wichtigkeit der Arbeit des Netzwerkes. Das Netzwerk konnte mit unterschiedlichen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zu Themen Religion, Salafismus, Dschihadismus, Identitäten, Migrationsgesellschaft, Mobbing, Gewaltprävention, Rechtsextremismus, Vorurteile und Kindeswohlgefährdung uw. über 6000 TeilnehmerInnen erreichen.

Die Tätigkeit bestätigt aber auch aufs Neue die unterschätzte Relevanz der Durchsetzung der Kinderrechte auf allen gesellschaftlichen Ebenen für die Präventionsarbeit gegen die Aneignung extremistischer Einstellungen und Identitätskonstruktionen, die auf der Abwertung anderer aufbauen.

Einhaltung der Kinderrechte ist Präventionsarbeit
• Recht auf Bildung: Die Studie zeigt Abwertungseinstellungen und Bildungsniveau hängen zusammen. Die Befragten kommen vornehmlich aus bildungsfernen Milieus, ein nicht unbeträchtlicher Teil ist bereits in sehr jungem Alter auf Arbeitssuche. Die Fragen drängen sich daher auf: Haben wir durchgesetzt, dass diese Jugendlichen von unserem Bildungssystem profitieren können? Haben wir es geschafft, diesen Jugendlichen Perspektiven zu geben? Haben diese Jugendlichen gelernt selbstständig zu denken und kritisch zu hinterfragen? Wie steht es um ihre Medienkompetenz?
Es ist an der Zeit, sowohl in der Klasse mit den SchülerInnen als auch in der LehrerInnenausbildung auf die Konzepte der Friedens-, Umwelt-, Medien-, Migrations- und Menschenrechtspädagogik zu setzen.

• Recht auf Partizipation: Aus der Studie geht deutlich hervor, dass diese jungen Menschen, viele offene Fragen haben, dass sie diskutieren wollen und auf der Suche nach Antworten und Orientierung sind. Die Frage, die sich an uns als aufgeklärte Gesellschaft stellt, ist, nehmen wir diese Verantwortung wahr? Geben wir Jugendlichen aus weniger privilegierten Familien die Möglichkeit sich ihre Meinung zu bilden? Nehmen wir diese Jugendlichen ernst – trotz einer nicht-deutschen Erstsprache? Trotz Lernschwierigkeiten? Trotz devianten Verhalten oder anderen Auffälligkeiten? Wir sollten es nicht menschenrechtsfeindlichen Gruppen überlassen, die Fragen der Jugendlichen zu beantworten.

• Recht auf Gleichwertigkeit: Während die quantitativen Daten das Thema Sexismus und Gleichstellung nur wenig beleuchten, zeigen die qualitativen Daten den starken Einfluss heteronormativer und stereotyper Geschlechterkonstruktionen. Auch hier möchte die Kinder-und Jugendanwaltschaft auf die Gleichwertigkeit von Buben und Mädchen hinweisen. Nicht nur Frauen werden durch solche Rollenvorstellungen in ihren Handlungsfreiheiten massiv eingeschränkt, auch Männer bleiben nur wenige Optionen offen, wenn Männlichkeit sich allein über Stärke, Ehre und Heterosexualität beweisen lässt.

• Schutz vor Gewalt: Die Kinder- und Jugendanwaltschaft betreut seit 2014 radikalisierungsgefährdete und radikalisierte Jugendliche und deren Familien. Bei dieser Arbeit geht es nicht nur darum, die Jugendlichen von ihren Ideologien abzubringen, sondern ihnen konkrete Hilfestellungen und Perspektiven anzubieten. Viele dieser Jugendlichen haben psychische, sexuelle oder physische Gewalt erfahren. Hier braucht es mehr Sensibilisierung und ein Bekenntnis für das Kindeswohl einzutreten.

Die vollständige Studie „Jugendliche in der offenen Jugendarbeit. Identitäten, Lebenslagen und abwertende Einstellungen“ ist über unsere Website abrufbar:
https://kja.at/site/studie-zu-jugendlichen-in-der-wiener-jugendarbeit
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Netzwerk Deradikalisierung und Prävention:
https://kja.at/site/praevention/netzwerk-deradikalisierung-praeventio
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