TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 17. Oktober 2016 von Manfred Mitterwachauer "Die neue Not am Berg"

Innsbruck (OTS) - Immer mehr Menschen treibt es in die Berge, auch solche, die besser im Tal aufgehoben wären. Immer öfter werden deshalb die Retter aufgrund unnötiger Notrufe in den Einsatz geschickt. Dieser Vollkasko-Mentalität muss ein Ende gesetzt werden.

Nahezu fast jeden Tag zwischen Mai und September gab es in Österreich einen Alpintoten zu beklagen. 1935 Alpinunfälle meldete unlängst das Kuratorium für alpine Sicherheit. Allein in Tirol stieg die Zahl der Unfälle um 13 Prozent. Allein die Innsbrucker Ortsstelle der Bergrettung kommt im bisherigen Jahr auf einen neuen Rekord an Notfall-Einsätzen von 108 Stück. Im Extremfall müssen manche Ortsstellen gar bis zu sieben Mal pro Tag ihre ehrenamtlichen Mitglieder in den Einsatz schicken.
Die Experten schlagen Alarm: Sie orten nämlich auch einen Mentalitätswandel bei den Freizeitsportlern. Einer, der bedenklich stimmt. Wurde früher nur dann ein Notruf abgesetzt, wenn man oder frau sich auch tatsächlich in einer Notlage befand, so geht inzwischen beinahe jeder dritte Notruf auf einen Unverletzten zurück. Ob das klassische Bild des Halbschuhtouristen im Schneefeld oder aber einfach nur die pure Bequemlichkeit nach anstrengender Tour – immer mehr Menschen greifen vorschnell zum (Handy-)Notruf.
„Vollkasko- bzw. Taxi-Mentalität“ wird das genannt. Eine, die offenkundig auch im stetig wachsenden Lager der Klettersteiggeher, Wanderer, Mountainbiker und sonstiger berg- und naturbegeisterter Menschen um sich greift. Die Retter stecken dabei im Dilemma: Ob ein Notruf gerechtfertigt ist oder nicht, stellt sich erst dann heraus, wenn die Einsatzkräfte vor Ort sind. Dazwischen liegen oft stundenlange Aufstiege, nächtliche Suchaktionen oder riskante Hubschrauberflüge. Alle haben eines gemein: Die Retter begeben sich dabei mitunter selbst in Gefahr.
Fehlende Tourenplanung, mangelnde bzw. falsch eingesetzte Ausrüstung, unzureichende körperliche Voraussetzungen – wie aber dieses Fehlverhalten sanktionieren? Dass müden Wanderern oder vermeintlich erschöpften Bergsteigern, die mittels Polizeihubschrauber zu Tal geflogen werden (müssen), bis dato nicht einmal die Einsatzkosten verrechnet werden, ist unverständlich. Eine Änderung im Sicherheitspolizeigesetz ist bereits in Vorbereitung – diese darf nicht schubladisiert werden. Wieso aber nicht auch den Kauf bzw. den Einsatz bestimmter Sportartikel an verpflichtende Einschulungen knüpfen? Oder den oft unzureichenden Versicherungsschutz von Touristen neu überdenken? Das Verständnis für die Risiken am Berg und in der Natur und die damit verbundene Eigenverantwortung muss wieder geschärft werden. Letztlich auch mit härteren Strafen. Damit ein Notruf auch ein Notruf bleibt.

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