TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 08.10.2016, Leitartikel von Manfred Mitterwachauer: "Die neue Hass-Kultur"

Innsbruck (OTS) - In der Regel verstecken sie sich hinter Prepaid-Handys, Fake-Accounts und Fantasienamen. Das sind die Mittel, mit denen Angst Zorn und Hass verbreitet werden. Diese Art des Gesinnungsterrors gegenüber Andersdenkenden kennen wir seit Jahren. Unter diesem Deckmantel wird gemobbt, gehetzt, aufgewiegelt, eingeschüchtert und diffamiert. Die Anzahl von Hasspostings und Drohmails nimmt exponentiell zu. Es steigt aber auch die Anzahl jener, die auf eine Verschleierung ihrer Identität pfeifen – und unter Klarnamen posten. Insbesondere im Zusammenhang mit Flüchtlingen. Hetze und Rassismus sind wieder salonfähig.
Erst am Mittwoch warnte der Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, Peter Gridling, vor einer „Polarisierung in allen Bereichen Österreichs“. Und diese tangiere, so Gridling, längst nicht nur die einschlägigen Randgruppen. Nein, inzwischen ist auch die politische Mitte von dieser Zuspitzung infiziert. Ein wahlloser Blick auf Internetforen, Facebook, Twitter und Co. gibt ihm Recht: Viele denken nur noch in Schwarz oder Weiß, das Radikale greift um sich. Das schließt Anhänger des gesamten politischen Spektrums mit ein. Ein Differenzieren, Abwägen oder gar Überdenken des eigenen Standpunktes findet immer weniger statt. Die Hemmschwellen fallen – und das durchdringt alle gesellschaftlichen Schichten und Bereiche. Diese neue, ungebremste Hass- und Diffamierungskultur tritt mannigfaltig zutage: ob beim Fußball, unter Jugendlichen, am Arbeitsplatz, gegen soziale Einrichtungen, „die da oben“ oder insbesondere gegen die Politik. Erst gestern musste der deutsche SPD-Politiker Thomas Purwin einen Parteitag absagen – aus Rücksicht auf seine Familie. Der Mann hatte Morddrohungen bekommen, seit Jahren erhält er fremdenfeindliche Beschimpfungen per Mail und Facebook. Auch Innsbrucker Politikern werden Schlägertrupps angedroht – als Quittung für angeprangerte Fehlentwicklungen in der Stadt. Wie schmal der Grat vom Wort zur Tat ist, zeigte das Messer-Attentat auf die nunmehrige Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker.
Ja, wir haben viele Probleme: Die Flüchtlingsfrage ist nur eines davon. Weder sollten wir offene Baustellen leugnen, noch überzeichnen. Wer dies trotzdem tut, und da mag sich auch die Politik an der Nase nehmen, schürt Unsicherheit, Angst und Unzufriedenheit. Im schlimmsten Falle blinden Hass. Wer keine nachvollziehbaren Antworten bekommt, gibt sie sich am Ende selbst. Und sucht Ventile, diese zu verbreiten.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001