TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "„Tatort“ Pathologie", von Peter Nindler

Ausgabe vom 7. Oktober 2016

Innsbruck (OTS) - Was in Fernsehkrimis funktioniert, spielt sich in der Realität leider nicht. Zumindest nicht an der Innsbrucker Klinik. Mit dem Scheitern des Uni-Instituts für Pathologie hat sich auch der Kooperationsvertrag mit den tirol kliniken erübrigt.

Professor Karl-Friedrich Boerne, handeln Sie. Doch welchen Schnitt würde Kult-Pathologe Jan Josef Liefers am Tatort Klinik Innsbruck wohl setzen? Zuerst käme wahrscheinlich der mühsam ausgearbeitete Zusammenarbeitsvertrag zwischen den tirol kliniken (Land) und der Medizinischen Universität Innsbruck (Bund) unters Messer. Enttäuscht müsste sich Boerne dann mit vielen Papierschnitzeln, aber wenig Inhalt zufriedengeben. Ein ernüchternder Befund, doch angesichts der jüngsten Entwicklungen ein treffendes Krankheitsbild. Dass die tirol kliniken die Befundungen der Gewebeproben vom universitären Pathologie-Institut abziehen und selbst aktiv werden, ist nicht nur eine medizinische Bankrotterklärung, sondern auch eine für den Zusammenarbeitsvertrag. Zur Behübschung dieser Blamage muss niemand mehr ausrücken; weder von der Politik noch von der Universität.
Es ist ja nicht so, dass die Pathologie ein Gänseblümchenfach wäre. Mitnichten. Als Schnittstelle zwischen Diagnose und Therapie gilt sie als Herzstück in der Patientenversorgung. Natürlich sind Pathologen dünn gesät, doch die Innsbrucker Klinik ist ja auch kein Wald- und Wiesenspital. Vielleicht benötigt es eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Stellenwert der Klinik im Tiroler Gesundheitswesen. Einst wurden dort der tschechische Präsident Vaclav Havel oder sein slowakischer Amtskollege Rudolf Schuster erfolgreich behandelt. Zur Spitzenmedizin gesellten sich Forschung und Lehre auf höchstem Niveau. Und heute?
Die Reibungsverluste zwischen Med-Uni und tirol kliniken sind groß. Der Zusammenarbeitsvertrag, der die Kooperation von Bundes- und Landesärzten in organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten sowie in Personalfragen friktionsfreier gestalten soll, ist auf gut Tirolerisch zum „Krenreiben“. Vor der bevorstehenden Rektorswahl wieder einmal in interne Grabenkämpfe verstrickt, war die Führung der Medizin-Uni außerdem nicht in der Lage, die seit Jahren hinlänglich bekannten Probleme an der Pathologie in den Griff zu bekommen. Jahr für Jahr wurden Befundungen abgezogen.
So gesehen mussten die tirol kliniken die Reißleine ziehen. Das ist gut für die Patientenversorgung, aber schlecht für den Medizin-Standort Innsbruck als Drehscheibe für Forschung, Lehre und Ausbildung. Und was hat der hiesige Universitätsrat als höchstes Aufsichtsgremium der Med-Uni zur Problemlösung beigetragen? Trotz der bis vor Kurzem höchsten Aufwandsentschädigungen in Österreich leider nichts.

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