Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 29. September 2016; Leitartikel von Anita Heubacher: "Transparenz fehlt im Dschungel"

Innsbruck (OTS) - Der Kompetenzen-Dschungel im Bildungssystem treibt seltsame Blüten. Koscher ist es sicher nicht, wenn Kosten von der öffentlichen Hand in Richtung Eltern verlagert werden. Ohne viel Mitsprache und ohne Rechnung.

Einer Mutter platzte der Kragen. 40 Euro für das Schulfoto, 60 Euro für die Klassenfahrt, Zahlungsaufforderungen, übermittelt durch Minderjährige. Prompt zu bezahlen, ohne Rechnung. Also „dunkelschwarz“, wie die Mutter meinte. Sie als besonders pedantisch abzutun, wäre zwar bequem, aber falsch. Die Mutter hat Recht, obwohl die gängige und über weite Strecken funktionierende Praxis anders aussieht.
Beginnen wir beim Grundübel im österreichischen Bildungssystem. Der Kompetenzen-Dschungel, in dem sich Bund, Land und Gemeinden als Protogonisten finden, und wovon ein immer stärker werdendes Auseinanderklaffen zwischen Aufgaben-, Ausgaben- und Finanzierungsverantwortung die Folge ist. Einfacher gesagt, jemand schafft an, ein anderer zahlt und ein Dritter setzt um. Nachdem die Anforderungen an Schulen steigen und die Mittel kaum mithalten können, wird es eng.
Das führt zu einem weiteren Dilemma. Finanzschwache Gemeinden tun sich immer schwerer, dieselben Standards an Pflichtschulen zu bieten wie finanzstarke. Von Extratouren ganz zu schweigen. Das führt österreichweit zur Praxis, immer mehr Kosten auf die Eltern abzuwälzen. Das reicht vom Klopapier bis hin zum Laptop. Das ist eine Abkehr vom kostenlosen Schulzugang und ein Angriff auf die Chancengleichheit. Das bedingt eine doppelte soziale Ungerechtigkeit. Kinder aus finanzschwachen Familien sind benachteiligt, Gemeindebürger in finanzschwachen Gemeinden unter Umständen auch. So, nun folgt der dritte Problembereich, nämlich jener der fehlenden Rechnungen. Das ist, wie auch der Landesverband der Elternvereine sagt, eine „Grauzone“. Geldausgeben ohne Beleg? Zeitgemäß ist das nicht, transparent schon gar nicht, aber typisch österreichisch. Kopiergeld, Beiträge für Spinde oder Werkmaterialen dürften laut Arbeiterkammer überhaupt nicht verlangt werden. Dafür bekommt die Schule eigentlich Geld von der Gemeinde. Wenn nun also Eltern für Kopien zahlen, wird genau genommen doppelt kassiert. Der Gesetzgeber will das nicht regeln und verlagert das Problem auf die Lehrerschaft. Die wird sich schön bedanken, wenn aus den Problemen ernsthafte Konsequenzen erwachsen. Dann tut sich bald keiner mehr die Extratouren an. Geregelt gehört das Schlamassel dennoch, wenn den Dschungel überhaupt noch einer durchblickt und das überhaupt lösen kann.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001