Karlheinz Töchterle: Schulformdiskussion muss versachlicht werden

ÖFG-Tagung zum Thema "Differenziertes Schulsystem vs. Gesamtschule – Wie fair ist unser Bildungssystem?" in Innsbruck

Innsbruck (OTS) - Vor mehr als 100 Gästen eröffnete Karlheinz Töchterle, Präsident der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG), gestern an der Universität Innsbruck die zweitägige Tagung zum Thema "Differenziertes Schulsystem vs. Gesamtschule – Wie fair ist unser Bildungssystem?". Er wünsche sich eine "evidenzbasierte sachliche Diskussion zum Thema Gymnasium contra Gesamtschule", so Töchterle. Dem vorwiegend ideologisch geführten Diskurs sollen bei dieser Tagung, zu der von der ÖFG in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck geladen wurde, empirische Ergebnisse nationaler und internationaler Bildungsforschung gegenübergestellt werden, betont der ÖFG-Präsident.

Nach einem Einführungsvortrag von Johannes Giesinger von der Universität St. Gallen, der die unterschiedlichen Ansätze des Gerechtigkeitsbegriffs darlegte, folgten statistische Befunde von Gabriele Böheim-Galehr (Pädagogische Hochschule Vorarlberg) und Claudia Schreiner (BIFIE). Diese bildeten ab, worüber sich zahlreiche Expertinnen und Experten einig sind: Bildung wird in Österreich durch alle Schulstufen und Schultypen vererbt. Sozioökonomische Umstände, gepaart mit Bildungsaffinität der Eltern prädestinieren die Bildungskarrieren der Kinder. Worüber man sich nicht einig ist: Wie kann dieses Problem gelöst werden? Das wurde auch in der abendlichen Podiumsdiskussion mit Gabriele Böheim-Galehr, Rainer Gögele (Initiative "Pro Gymnasium"), Kai Maaz (Berlin), Landesrätin Beate Palfrader und Michael Schratz (Universität Innsbruck), deutlich. Während jene die Schnittstelle im neunten Lebensjahr als viel zu früh und für den weiteren Bildungsweg entscheidend bezeichnen, und daher für eine gemeinsame Schule der 10 bis 14-Jährigen plädieren, sehen andere gerade in der Differenzierung des österreichischen Bildungssystems die Garantie für geringe Jugendarbeitslosigkeit und eine hohe Bildungsabschlussquote.

Am zweiten Tag relativierten die Vorträge der Bildungswissenschaftler Kai Maaz, Helmut Fend (Zürich) und Ludger Wößmann (München) die Annahme, Schulstrukturen seien entscheidend für Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe. Die Schulstruktur sei eine Einflussgröße von vielen. Thematisiert wurden überdies sozioökonomische Herkunftseffekte, die sich bei der Beurteilung der Schülerinnen und Schüler durch Lehrerinnen und Lehrern einstellen. Es gäbe kein Schulsystem, welches die Herkunftseffekte ausgleichen könne, aber Systeme, die diese zumindest nicht verstärken. Das Engagement der Eltern scheint in fast allen Bildungssystemen entscheidend für die Bildungslaufbahnen der Kinder und ist der zentrale Faktor für die "Vererbung" von Bildung.

Auch wenn man in den Selektionseffekten der Schultypen die Ungerechtigkeit des Schulsystems verortet, würde ein Gesamtschulsystem keine Abhilfe schaffen, denn auch in einem Gesamtschulsystem wird es soziale Ungleichheiten geben, sowohl bezogen auf den Zugang als auch bei den Differenzen der Profile der Schulstandorte. Die oft geforderte Binnendifferenzierung wirke auf die soziale Segregierung sogar verstärkend. Studien zeigen auch, dass Schnittstellen gewissermaßen immer ungerechte Effekte erzeugen, unabhängig davon, in welchem Alter diese eingerichtet werden. Ein Schulsystem kann dieser Ungerechtigkeit insofern entgegenwirken, als dass Bildungsentscheidungen möglichst korrigierbar sein sollten, Stichwort Durchlässigkeit.

Die Tagung beleuchtete eine Fülle von Aspekten, deren wichtigste Ergebnisse demnächst auch online unter www.oefg.at abrufbar sein werden.

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