Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. September 2016. Von PETER NINDLER. "Mensch Mayr".

Innsbruck (OTS) - Ein Landtagsmandat in allen Ehren: Aber die Tiroler SPÖ benötigt nicht nur einen Parteichef im Landtag, sondern einen, der sie endlich inhaltlich lenkt, positioniert und aus der anhaltenden politischen Schwindsucht herausführt.

So blamabel das Erscheinungsbild der Tiroler SPÖ in den vergangenen Wochen war, seit gestern besteht zumindest die Chance zur Korrektur:
Der Parteichef ohne Land Ingo Mayr könnte nach zweieinhalb Jahren an der SPÖ-Spitze doch noch im Landtag landen. Dass mit Gabi Schiessling gerade eine der profiliertesten und engagiertesten SPÖ-Politikerinnen für den Landesparteiobmann den Weg frei macht, ist wohl die beste Beschreibung für den aktuellen Zustand der Partei. Sollten allerdings die sieben vor Mayr gereihten Ersatzmandatare ihm dennoch die lange Nase zeigen und nicht verzichten, dürfte der Roppener Bürgermeister endgültig Parteigeschichte sein. So einfach ist das. Aber vielleicht forcieren einige Funktionäre geradewegs ein Ende mit Schrecken, um den Schrecken ohne Ende zu verhindern. Denn unabhängig von der fehlenden landespolitischen Verankerung ist Mayrs Bilanz bisher eine bescheidene.
Der Landtag alleine dürfte deshalb als Steigbügelhalter für die angepeilten 20 Prozent bei der nächsten Landtagswahl 2018 zu wenig sein. Mayr muss die zerbröselnde Partei endlich führen. Der angezählte Klubchef Gerhard Reheis – wie Mayr ein Oberländer – präsentiert sich im Aussehen zwar progressiv als Rock-Opa mit weißem Zopf, blockiert jedoch seit Jahren eine Erneuerung und eine regionale Balance. Das Unterland bricht der SPÖ ohne Mandatsträger kontinuierlich weg. Wer wird da in zwei Jahren noch für die Partei laufen?
Im rot dominierten Sportverband ASKÖ tobt ein heftiger Genossenstreit, garniert mit Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft. Und mit Schiessling verlieren die SPÖ-Frauen ein wichtiges Aushängeschild, von „jung, weiblich, links“ bleibt derzeit in der SPÖ nicht viel übrig. Inhaltlich fliegen zwischen der Landes- und der Innsbrucker Stadtpartei ebenfalls die Fetzen. Statt die Herausforderungen gerade in den Ballungszentren gemeinsam anzupacken, könnten die Ansichten zu Mindestsicherung, Mietzinsbeihilfe oder Wohnbau nicht unterschiedlicher sein. Dem städtischen Landtagsabgeordneten Thomas Pupp wurde sogar ausgerichtet, er sei schlichtweg „doof“.
Um sich als Spitzenkandidat und Herausforderer für die Landtagswahl zu positionieren, benötigt der SPÖ-Chef dringend ein Landtagsmandat. Um sich jedoch zu profilieren, muss er rasch politisch sattelfest werden und über die Kommunalpolitik hinaus landespolitische Fähigkeiten sowie Führungskompetenz beweisen. Gelingt ihm das nicht, wird es in der SPÖ wohl einmal mehr „Mensch Mayr“ heißen.

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