TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 1. September 2016 von Mario Zenhäusern "Keine Spielchen mit der Sicherheit"

Innsbruck (OTS) - Tirols Polizisten leisteten im abgelaufenen Jahr an die 450.000 Überstunden. Das beweist unter anderem, dass die Dienststellen im Land chronisch unterbesetzt sind. Angesichts des sinkenden Sicherheitsgefühls ist das inakzeptabel.

Österreich gilt seit vielen Jahren als eines der sichersten Länder dieser Welt. Daran hat sich im Grunde nichts geändert. Trotzdem macht sich in großen Teilen der Bevölkerung ein Gefühl breit, das mit Unsicherheit am besten beschrieben ist. Die Terroranschläge von Paris, Brüssel und Nizza oder – direkt vor unserer Haustür in Bayern – Würzburg und Ansbach, erst recht der Amoklauf in München, all das blieb auch in Österreich nicht ohne Wirkung.
Politiker reden in diesem Zusammenhang gern vom subjektiven Sicherheitsgefühl, das unter dem Druck der Ereignisse leide. Banaler ausgedrückt heißt das: Die Menschen haben Angst. Und das hat nicht ausschließlich mit den Ereignissen im (benachbarten) Ausland zu tun. Auch die Tatsache, dass sich immer mehr Ausländer im Land aufhalten, stimmt den einen oder anderen nachdenklich. Immer mehr Menschen berichten von einem mulmigen Gefühl, das sie beschleicht, wenn sie in einem Zugabteil, im Bus oder im Restaurant auf eine Gruppe bärtiger Zuwanderer treffen, die noch dazu Rucksäcke und Koffer bei sich haben. Da spielt es überhaupt keine Rolle, dass nur ein kleiner Bruchteil der Fremden tatsächlich kriminell ist: Das subjektive Sicherheitsgefühl ist im Keller.
Die heimische Polizei kämpft nach Kräften gegen diese schleichende Unsicherheit an. Auf der einen Seite soll ihre massive Präsenz die klare Botschaft signalisieren, dass eh alles in Ordnung – eben sicher – ist, auf der anderen müssen die Uniformierten so unauffällig wie möglich agieren, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, die persönliche Freiheit des Einzelnen beeinträchtigen zu wollen. Ein Balanceakt, der schwieriger nicht sein könnte.
Die personelle Situation ist den Beamten da auch keine große Hilfe. Im Gegenteil, beweisen doch die innerhalb eines Jahres allein im Bereich der Landespolizeidirektion Tirol geleisteten knapp 450.000 Überstunden, dass die Polizei im Land ihre Aufgabe erstens sehr ernst nimmt – und zweitens, dass sie chronisch unterbesetzt ist, allen Anstrengungen der jüngeren Vergangenheit zum Trotz. Personalmangel aber ist in Zeiten wie diesen gleichermaßen inakzeptabel wie unverständlich. Selbst dem sparsamsten Personalchef im Innenministerium dürfte klar sein, dass die aktuelle Lage alles andere als entspannt ist. Österreich steht derzeit vor einer möglichen zweiten großen Einwanderungswelle, deren Bewältigung zusätzliches Personal erfordert. Für sicherheitspolitische Experimente oder Spielchen ist jetzt keine Zeit mehr.

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