TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 22. August 2016 von Florian Madl "Olympia im Favela-Stil"

Innsbruck (OTS) - Rio veranstaltete Olympische Billig-Spiele, doch den Gürtel wird die Stadt dennoch enger schnallen müssen. Das IOC dient in erster Linie sich selbst, das Konzept der Völkerverständigung wird dem Interesse der Sponsoren untergeordnet.

Erst graste der Weltfußballverband FIFA Brasilien ab (WM 2014), jetzt folgte das Internationale Olympische Komitee. Zwei Mähmaschinen, die nichts als nackte Erde zurücklassen. Zurück blieben in Rio etwas Infrastruktur und das Gefühl, man könne etwas schaffen, wenn auch nur im Favela-Stil: Hier ein Dachblech, dort eine Hausmauer, und Strom kommt aus dem Dieselgenerator.
Brasilien wurde zermahlen zwischen den Interessen zweier Heuschrecken, die sich als Non-government-Organisationen dem Rechtfertigungszwang entziehen. Wer soll schon jemandem etwas anhaben können, der sich vom Selbstverständnis den Status der UNO zuerkennt, in Wahrheit aber als verlängerter Arm von Elektro-Unternehmen und Limonade-Herstellern fungiert?
Nach den gut zehn Milliarden teuren Olympischen Sommerspielen warten die Paralympischen Spiele der Körperbehinderten. Und schon jetzt geht der Stadt und Brasilien das Geld aus, das Land ächzt unter der Steuerlast. Weil das Internationale Olympische Komitee nicht mehr als einen Verwaltungszuschuss von 1,5 Milliarden gewährte, muss das Land den Gürtel noch enger schnallen – dabei ist dieser schon am letzten Loch angelangt.
Rio kann sich höchstens den Vorwurf machen, dass es die Dimension dieser Veranstaltungen kaum abzuschätzen vermochte. Und dass Politiker, die im Bewerbungszyklus die Verantwortung trugen, sieben Jahre später unter Korruptionsverdacht oder vor der Amtsenthebung stehen, während ihre Nachfolger ein Budgetdefizit zu erklären haben. Schade um den Sport, die Idee der Völkerverständigung; schade um die Möglichkeit, mithilfe einer Veranstaltung die Infrastrukturentwicklung einer Region voranzutreiben und daneben deren Selbstverständnis zu stärken. Rio 2016 war, was es war: die Billigausgabe von Sommerspielen, keinesfalls lieblos, aber doch oft sorglos. Olympische Sommerspiele kann sich nur leisten, wer demokratische Grundrechte hemmungslos der Außenwirkung und einer gewinnorientierten Sportorganisation unterordnet.
Olympische Winterspiele 2026 in Tirol hätten ihren Charme, allerdings: Allein die Kandidatur kostet – und sie legitimiert, wenn sich auch andere westliche Staaten dem anschließen, den Bewerbungsprozess. Wenn also Aserbeidschan den Zuschlag erhalten sollte, dient auch Tirol als Feigenblatt. Noch meint es das IOC nicht ernst mit dem Prozess der Selbsterneuerung, Rio 2016 bestärkte einen in diesem Gefühl.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001