TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 21. August 2016 von Liane Pircher "Die Sache mit den Ein-Euro-Jobs"

Die Gefahr von Ein-Euro-Jobs ist, dass sie generell eine Sackgasse der Verelendung auftun. Außer man sieht die Idee als Begleiter einer Bildungsoffensive.

Innsbruck (OTS) - Bekanntlich ist es Asylwerbern während ihres Verfahrens gesetzlich nicht erlaubt, eine Erwerbsarbeit auszuüben. Eine Ausnahme wird bei gemeinnützigen Tätigkeiten gemacht. Freiwillige können beispielsweise am Recyclinghof, im Straßendienst oder im Grünbereich für eine Gemeinde arbeiten. Wer hilft, bekommt ein Taschengeld von drei Euro pro Stunde. Es gibt genug Asylwerber, die das tun, weil sie lieber beschäftigt sind, als im Heim Däumchen zu drehen. Etwa 800 Asylwerber sind aktuell allein in Tirol gemeinnützig tätig.
Erhält ein Flüchtling einen positiven Bescheid, muss er sich in den regulären Arbeitsmarkt integrieren. Gelingt dies nicht, greift die Mindestsicherung. Aktuell schaffen die wenigsten, einen Job zu finden –
zu viele haben zu schlechte Deutschkenntnisse, bei anderen hapert es schon an der Grundbildung. Ist es wirklich eine gute Idee, jene, die keine Arbeit finden, zu so genannten Ein-Euro-Jobs zu verpflichten? Unabhängig davon, ob es rechtlich hält, anerkannte Asylberechtigte im Sozialsystem anders zu behandeln als eigene (langzeitarbeitslose) Staatsbürger – Verfassungsrechtler sehen das kritisch –, ist diese Idee nur sinnvoll, wenn sie nicht zur Sackgasse wird. Ohne gleichzeitig darauf zu schauen, dass Asylberechtigte qualifiziert und mit Kursen begleitet werden, ist die Gefahr groß, dass sie sich in prekären Verhältnissen, dem Start der Verelendung, verfangen. Es würde eine Parallelwelt entstehen, die Frust schürt. Das wäre wiederum ein guter Nährboden für Sicherheitsrisiken. Unabhängig davon: Woher sollen so viele Jobs kommen, ohne reguläre Arbeit zu verdrängen? Die Herausforderung muss heißen: Wenn Ein-Euro-Jobs, dann als Sprungbrett. Für soziale Kontakte zur hiesigen Gesellschaft, ein erstes Vermitteln unserer Arbeitskulturen. Anders gedacht, wäre es ein Signal für Lohndumping. Das wäre fatal für alle.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001